“Wir kochen mit Leidenschaft, aus der Seele heraus.”

Harnet Tesfazghi, * 09.06.1985 in Ulm,
Feben Eyob, * 12.11.1990 in Ulm
und ihre Mutter Asmeret Tesfai, * 20.02.1968 in Mendefera


Andrada: Asmeret, wann bist du nach Ulm gekommen? Und wie genau bist Du in Ulm gelandet? Die Gründe liegen auf der Hand, in Eritrea herrschte Bürgerkrieg.
Asmeret: Genau genommen war es ein Nachbarschaftskrieg. Meine Eltern waren schon seit Mitte der 80er Jahre hier und dann bin ich 1990 auch nach Ulm gekommen. Mein Sohn war damals ein Jahr alt und mit meiner Tochter Feben war ich im neunten Monat schwanger. Sie ist kurz danach in Deutschland auf die Welt gekommen.

Wie ging es weiter?
Asmeret: Ein Jahr später war Eritrea frei. Mir wurde gesagt, ich muss nach Eritrea zurück. Ich hatte in Eritrea aber nichts. Keine Wohnung, kein Leben, nichts. Dann bin ich zu meinem Rechtsanwalt gegangen. Damals habe ich auch schon in Deutschland gearbeitet und aufgrund der Arbeit, konnte ich bleiben.

Harnet, wie war es bei deinen Eltern?
Harnet: Meine Eltern sind 1983 nach Ulm gezogen und ich bin 1985 hier geboren. Ich habe drei ältere Geschwister, die in Eritrea geboren und mit 10, 12 und 13 Jahren hier hergekommen sind.


Feben, Du hast erzählt, dass Du und Harnet miteinander aufgewachsen seid.
Feben: Genau. Also wir haben einen Altersunterschied von …
Harnet: … fünf Jahren.
Feben: Als Kinder waren wir nicht ständig miteinander unterwegs, weil Harnet einfach die Ältere war und ich war zu jung. Aber familiär sind wir miteinander aufgewachsen. Meine Mutter kennt sie, seitdem sie ein kleines Kind war und wir waren auch eine Zeit lang Nachbarn.

Man hat das Gefühl, dass zwischen den Eritreern in der Region ein starker Zusammenhalt ist. Kennt ihr euch alle untereinander?
Alle: Ja, man kennt sich auf jeden Fall!
Feben: Und wenn wir uns nicht kennen, dann kennt sich zumindest die älteren Generation untereinander.
Asmeret: Und in guten und schlechten Zeiten, halten auch alle zusammen.
Feben: Stimmt. Wenn es zum Beispiel Trauerfeiern gibt, dann versammelt sich ganz Ulm.

 

Habt ihr aus eurer Kindheit Erinnerungen an Gespräche zwischen euren Eltern, in denen es um die Heimat ging oder um das „wieder zurückgehen“?
Feben: Eritrea war irgendwann unabhängig. Zu dem Zeitpunkt wollten meine Großeltern wieder zurück oder sie haben sich vorgenommen, irgendwann wieder zurückzugehen. Das ist bis jetzt noch nicht passiert. Keine Ahnung, ob das noch irgendwann kommt. Sie sind jetzt beide in Rente. Meine Oma träumt schon noch davon aber es ist schwierig, wenn die Kinder hier aufwachsen.
Harnet: Und dann kommen noch die Enkelkinder dazu.
Feben: Genau! Und dann auch noch Partner, die nicht aus Eritrea stammen. Und dann ergibt sich das Leben einfach.

Aber seid ihr ab und zu noch in Eritrea?
Feben: Schon noch, aber selten. Ich war das letzte Mal vor zwei Jahren dort.
Harnet: Also ich war das letzte Mal mit meiner Mutter, als ich sieben war. Und seitdem nicht mehr.


Asmeret, wie ist es bei dir? Warst Du öfter noch in Eritrea?
Asmeret: Nein. Ich was das letzte Mal, als Feben krank war. Sie war drei Jahre alt damals. In Deutschland war sie in einer Rheumaklinik und das hat ihr nicht geholfen. Dann habe ich gesagt „Keine Medikamente mehr! Wir gehen nach Eritrea zum Roten Meer!“ Das hat ihr wirklich geholfen. Wir waren eine Woche lang von morgens bis abends im Meer.

Und das war aber das letzte Mal?
Asmeret: Ja.
Feben: Aber du hast noch mehr Bezug als wir.
Asmeret: Ja, aber Urlaub bei uns ist schwierig. Du siehst so viel Armut und dann musst du auch was geben. Aber du hast selbst nicht so viel, also kannst du auch nicht geben. Und du kannst es auch nicht sehen. Weil du siehst es und leidest und es bringt nichts. Mit leeren Händen dort hingehen, nur für dich, dass du Urlaub machst, das ist Quatsch.

 

Zieht es euch auch nicht hin?
Harnet: Doch, das tut es.
Feben: Also ich muss sagen, nachdem ich das letzte mal dort war vor zwei Jahren, hatte ich nicht unbedingt mehr das Bedürfnis, wieder nach Eritrea zu gehen, um ehrlich zu sein. Weil die Situation es einfach nicht hergibt. Es ist ein bisschen anstrengend mit der sanitären Situation und Du siehst keine wirklich große Besserung, eher noch mehr Leid und dann fällt es einem schon schwer, finde ich.

Und Zuhause ist Ulm. Man merkt in Eritrea, dass wir aus dem Ausland kommen und deshalb kann man sich auch nicht zuhause fühlen. Auch wenn wir dort Verwandtschaft haben, hat man nicht so den Bezug zueinander.

Und wie ist das für die Mama?
Asmeret: Mama hat alles erlebt und kennt alles, die ganzen Schwierigkeiten vor Ort. Von daher habe ich kein Problem damit, damit umzugehen. Aber Harnet und Feben schon. Und sie können das Land auch nicht vermissen, weil sie dort nicht aufgewachsen sind. Was sollen die daran vermissen?
Feben: Aber ich habe schon ein anderes Gefühl, wenn ich in Eritrea bin, muss ich sagen. Ich fühle mich schon heimisch, irgendwie. Es ist jetzt nicht zu 100 % mein Zuhause wie hier in Ulm, aber es hat schon irgendwie was heimisches.

 

Feben und Harnet, mit welcher Sprache seid ihr aufgewachsen?
Feben: Mit meiner Mama habe ich immer Deutsch gesprochen aber meine Großeltern sprechen nur Tigrinya, das ist die Amtssprache in Eritrea.

Sprecht ihr es auch noch?
Beide: Ja. Nicht fließend, aber schon relativ gut.

Wir haben uns zum Interview im Café Omar getroffen. Was hat es damit auf sich?
Feben: Ich habe mit 17 hier schon nebenher gearbeitet, mein Onkel auch. Er hat hier zu seinen Studentenzeiten gearbeitet. Irgendwann hat er Interesse an dem Café gehabt, als es zu verkaufen war. Ihm lag viel daran, denn es war sein Stammcafé. Er hat es dann ein paar Jahre lang geleitet und es dann an meine Mutter weitergegeben. Also ja, wir hängen schon die ganze Zeit an dem Lokal.

 

Apropos Gastronomie: Ihr verkauft unter dem Namen „Eri Soul“ in der Ulmer Markthalle eritreisches Essen. Wie ist es dazu gekommen?
Feben: Eigentlich haben wir das ohne große Vorgeschichte angefangen. Dass eritreische Küche hier in Ulm fehlt, war uns schon immer klar. Wir haben einfach immer nur auf eine gute Gelegenheit gewartet. Und dann kam Dzenis (Dzenis Drinjak, Inhaber und Marktleiter der Markthalle in Ulm) und hat gefragt, ob wir das nicht machen möchten. Dann ging es relativ schnell. Fünf Monate hatten wir Zeit.

Und ihr verkauft dort nicht nur, sondern kocht auch?
Feben: Ja, wir kochen nach wie vor, und wir stehen auch am Stand. Die Vorbereitungen machen wir hier im Café Omar. Das ist praktisch, dass wir die Küche morgens nutzen können, bevor meine Mama anfängt, den Mittagstisch vorzubereiten.

Wofür steht der Name „Eri Soul“?:
Harnet: Für die Leidenschaft, mit der wir kochen. Aus der Seele heraus.

Was habt ihr davor gemacht?
Feben: Ich war gefühlte 100 Jahre beim Studieren.
Harnet: Ich war zehn Jahre lang medizinische Fachangestellte. Und dann habe ich meinen Make-Up-Artist gemacht und in dem Beruf gearbeitet.

 

Habt ihr vor, wenn sich die Gelegenheit ergeben würde, „Eri Soul“ noch größer zu machen?
Feben: Ja, wir suchen sogar nach einer Gelegenheit. Es soll nur nicht einfach irgendein Laden sein, es muss passen!
Harnet: Es muss zu uns passen und zu unserem ganzen Konzept.
Fernet: Und in Ulm ist es schwierig etwas zu finden, das perfekt ist.

Was macht das eritreische Essen aus? Was ist das besondere daran?
Feben: Die unterschiedlichen Gewürze, die man so nicht kennt und hier vielleicht auch nicht findet.
Asmeret: Die Schärfe. Und das Brot.
Feben: Ja, stimmt! Der Sauerteig!

Machen eure internationalen Wurzeln etwas in eurem Alltag was aus?
Feben: So gut wie gar nicht.
Harnet: Bei mir auch gar nicht.
Feben: Man wird nur manchmal damit konfrontiert, wenn zum Beispiel ältere Menschen auf einen zukommen und sagen „Sie sprechen aber gut Deutsch!“

 

 

 

Asmeret wurde in Mendefera in Eritrea geboren.

“Wir kochen mit Leidenschaft, aus der Seele heraus.”
Mendefera, Eritrea