„Wenn ich das Ulmer Münster sehe, bin ich zuhause.“

Hallo!

Ich bin Andrada Cretu, 30 Jahre, unter anderem Autorin und lebe seit 27 Jahren in Ulm/Neu-Ulm. Bedeutet: Ich bin wo anders geboren, habe einen Migrationshintergrund, internationale Wurzeln, bin Spätaussiedler, Banater Schwäbin. Und ich bin Ulmerin. In den kommenden Monaten interviewe ich andere Ulmerinnen und Ulmer mit ähnlichen Wurzeln und Lebenswegen. Ähnlich und doch ist jede einzelne eine ganz eigene und besondere Geschichte.

Hier ist meine:

„Wenn ich das Ulmer Münster sehe, bin ich zuhause.“

Fragt man uns nach unserer Heimat, schlagen oftmals zwei Herzen in einer Brust. Wir sind Ulmer und Neu-Ulmer. Mit Migrationshintergrund. Dem Land den Rücken kehren, in dem man aufgewachsen ist, mit dem man verwurzelt ist, in dem man all seine Erfahrungen gemacht und Erinnerungen gesammelt hat – für mich unvorstellbar. Aber genau das haben meine Eltern und Großeltern Anfang der 90er Jahre getan. Aus Unzufriedenheit mit der Situation in „ihrem“ Land. Politisch, sozial, wirtschaftlich. So gesehen sind wir Wirtschaftsflüchtlinge. Ein Wort, das heute oft negativ bewertet wird. Für mich ist es das absolut nicht. Für mich klingt es in erster Linie mutig, ausweglos, konsequent. Weil ich durch die Erlebnisse, die meine Eltern gesammelt haben, weiß, was es bedeutet, ein Wirtschaftsflüchtling zu sein. Meine Familie und ich sind nicht zufällig in Deutschland und um Ulm herum gelandet.


“SOMMER 1989. WAS ICH ZU DER ZEIT NOCH NICHT WUSSTE: EIN JAHR SPÄTER WÜRDE ICH IN NEU-ULM ZUHAUSE SEIN.”

Auf den Spuren unserer Ahnen hat es uns mit vielen anderen sogenannten „Spätaussiedlern“ aus anderen osteuropäischen Ländern in den 90er Jahren hierher verschlagen. Mein Urgroßvater war nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr nach Rumänien zurückgekehrt und in Deutschland geblieben. Gezwungenermaßen. Nach der Revolution von 1989, der Wahl in Rumänien und der Aussicht auf eine Zukunft dort, in der sich doch nichts ändern würde, packten erst meine Großeltern und dann meine Eltern ihre Sachen und verließen das Land. Heute erreiche ich meine Geburtsstadt mit dem Auto innerhalb von zehn Stunden. Durchgehend auf der Autobahn. Oder mit dem Flugzeug aus Memmingen in eineinhalb Stunden. Damals hat unsere Reise nach Ulm 24 Stunden gedauert. Mit Landstraßen, Schlaglöchern und Grenzkontrollen. Damals war ich drei. Dass es irgendetwas ausmacht, wo ich geboren bin, welchen Pass ich besitze oder woher meine Eltern stammen, habe ich in meiner Kindheit keine Sekunde lang gemerkt. Kinder scheren sich nicht darum. Genauso wenig habe ich mich damals gefragt, wo meine Freunde herkommen. Aufgewachsen bin ich in Neu-Ulm. Die Kinder in meinem Viertel hatten viele verschiedene Herkunftsländer. Darunter waren Russen, Türken, Italiener, Kroaten, Deutsche, Rumänen, Bulgaren, Ungarn, Portugiesen … Ein bunt gemischter Haufen. Der beste, den ich mir hätte wünschen können. Wir waren alle miteinander EIN Viertel. Und in unseren Kinderaugen waren wir alle gleich. Erst rückblickend fielen mir irgendwann die Kleinigkeiten auf, die uns auf eine charmante Art voneinander unterschieden. Die Tupper-Dosen bei meinen deutschen Freundinnen, der Duft von Krautwickeln an den Türen mit den osteuropäischen Namen auf dem Klingelschild, orientalische Klänge aus vorbeifahrenden Autos …


“WEIHNACHTEN 1990. MEIN ERSTES WEIHNACHTSFEST IN UNSERER ZWISCHEN-WOHNUNG IN GERLENHOFEN. MEINE ELTERN FRAGEN SICH BIS HEUTE, WIE UND WANN ICH „OH DU FRÖHLICHE!” GELERNT HATTE.”

Meine ersten Erinnerungen habe ich hier gesammelt. Kindergarten, St. Martins-Umzüge, Baggerseen, auf Bäume klettern, Wandern, Geburtstagsfeiern, Schlittenfahren, Skifahren, die Stirn aufschlagen … Die prägenden Jahre habe ich hier erlebt. Ulm ist für mich Zuhause und Heimat. Eine Sache, die für mich nie zur Debatte stand. Und das ist auch so geblieben und hat sich mit der Zeit bestärkt. Besonders im Jugendalter, wenn man sich grundsätzliche Fragen stellt. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Wo will ich hin? In dieser Zeit wurde mir meine Verbundenheit zu unserer Doppelstadt an der Donau immer bewusster. Mit Anfang 20 bin ich zum Studieren nach Ansbach gezogen. 150 Kilometer entfernt. Und fünf Wochen später war ich wieder in Ulm. Weil ich es nicht eingesehen habe. Nicht eingesehen habe, drei Jahre an einem Ort zu verbringen, an dem ich nicht leben möchte. Und drei Jahre lang das Leben in Ulm zu verpassen. Das mag fast schon nach einer Ulm-Sucht, oder – Abhängigkeit klingen. Aber es ist einfach nur ein ganz klares Bewusstsein dafür, wo ich sein möchte. Und das ist hier. Bedeutet mir Timisoara, der Ort in Rumänien, in dem ich geboren bin, dann gar nichts mehr? Oh doch. Und wie! Timisoara bedeutet mir wahnsinnig viel. Ich habe Familie und Freunde dort, vermisse es, wenn ich eine Weile nicht da war und sehe die Stadt im Banat ebenfalls als meine Heimat. Meine erste, meine zweite? Das spielt keine Rolle. Und so sehr es manchmal auch schmerzt, nicht an beiden Orten gleichzeitig sein zu können, empfinde ich es als absolute Bereicherung, aus einem anderen Land zu kommen. Ebenso wie ich es als Bereicherung für unsere Stadt empfinde, dass sich hier so viele Kulturen, Sprachen und Geschichten vermischen. “Mein Ulm” wäre nicht dasselbe ohne die vielen Menschen, die es aus einem anderen Land hierher verschlagen hat.


“EINES UNSERER LIEBLINGSZIELE FÜR WOCHENEND-AUSFLÜGE: BLAUBEUREN, DIE BRILLENHÖHLE UND DER BLAUTOPF. GAR NICHT SO ABWEGIG BEI ZWEI GEOLOGEN-ELTERN.”

„Wenn ich das Münster sehe, bin ich zuhause“, hat vor Kurzem ein Freund im Gespräch gesagt. Er, 35, geboren in Ulm. Genau wie ich, ist er zwischen zwei Kulturen aufgewachsen . In seinem Fall, zwischen der deutschen und der kroatischen. Wir hatten uns zuvor über unsere Wurzeln und Ulm als Heimat unterhalten. Und wie so oft bei solchen Gesprächen kamen mir ein paar Dinge in den Sinn. Als Mensch mit Migrationshintergrund steht man oft „dazwischen“. Man erlebt zwei Kulturen. Mehrere Sprachen. Die eigenen Eltern sprechen die Sprache, mit der man selbst aufwächst, mit Akzent. Hier ist man klar die/der mit den ausländischen Wurzeln. In der alten Heimat wird man oft zur/zum „Deutschen“, die/der zu Besuch kommt. Es schwingt oft eine Melancholie mit, wenn wir von den Heimatländern unserer Eltern erzählen. Davon, wie sie damals nach Deutschland gekommen sind. Und: Wir lieben unser Ulm. Ja, ganz nach dem Motto „Wenn ich das Ulmer Münster sehe, bin ich zuhause“. Egal aus welchem Winkel. Ob man von der A8 bei Elchingen die Münsterspitze erblickt oder das Wahrzeichen im Zug über die Donau in seiner vollen Pracht sieht. Ob man sich für Architektur interessiert oder nicht. Ob man einer anderen oder keiner Glaubensrichtung angehört. Ganz egal. Wenn wir das Münster sehen, ist alles gut. Alles ist klar. Wir sind zuhause. Es mag vielleicht bei den Haaren herbeigezogen klingen, dass Menschen aus anderen Ländern dieser Welt zusammensitzen und sich bei einem Bierchen tatsächlich über solche Themen unterhalten. Aber ja, das tun wir. Zumindest in meinem Freundeskreis. Weil sich die Erzählungen ähneln, weil man auf Verständnis und die gleichen Gedanken und Gefühle stößt. Weil es so viele interessante und hörenswerte Geschichten gibt! Mehr als man meint. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn: Mann, ist Ulm international! Das nimmt man im alltäglichen Leben gar nicht so wahr. Erst wenn man darüber nachdenkt, bemerkt man, wie geprägt von anderen kulturellen Einflüssen unsere Stadt ist. Ganz abgesehen von den vielen bunten Festen, die wir hier miteinander feiern.

“MEINE BESTEN FREUNDINNEN IN MEINER KINDHEIT IN NEU-ULM: DIANA (MITTE) UND NELLI (RECHTS). BEI DIANA HÖRTE ICH ZUM ERSTEN MAL VON DEN ‘DREI ???’ UND ‘PUR’. NELLI BRACHTE MIR EIN PAAR WORTE AUF RUSSISCH BEI.”

Nehmen wir den ganz normalen Alltag. Mein Tag beginnt für gewöhnlich mit dem Spaziergang in mein Büro. Auf dem Weg dorthin schnappe ich mir oft ein Panino in meiner Lieblings-Patisserie. Die Inhaber sind in den 90er Jahren nach Ulm gezogen und haben Ihr Geschäft hier eröffnet. Zum Mittagstisch habe ich die Qual der Wahl. Vietnamesisch, indisch, schwäbisch, italienisch… In zahlreichen Lokalen haben „Neu“-Ulmer ihre Aromen und Gerichte ins Schwabenländle gebracht. Mein Lieblings-Grieche erzählt mir beim Nachmittags-Snack stolz „Ich bin Grieche!“. Geboren ist er in Neu-Ulm und natürlich ist er genauso Ulmer wie ich. Der italienische Café-Inhaber umgarnt mich zum Feierabend mit seinem charmanten Akzent und empfängt mich mit „Ciao bella“! Unser Alltag ist so reich an verschiedensten Eindrücken, Geschichten, Geschmäckern – untrennbar verbunden mit den Einflüssen der Menschen, die aus anderen Regionen der Welt zu uns zogen und blieben.

Nun könnte man anhand meines Spaziergangs folgern, dass ich den ganzen Tag nur esse. Aber Liebe und Leidenschaft gehen bekanntlich durch den Magen. Auch die Liebe zu seiner Heimat. Müsste ich mich für ein einziges Lieblingsgericht entscheiden, ginge das nicht. Denn in meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das eine für rumänische Krautwickel, das andere für schwäbischen Zwiebelrostbraten mit Spätzle und Soße. Weil sie beide wie Zuhause schmecken.

“MEINE SCHWESTER (GEBOREN IN ULM) UND ICH IN MEINER GEBURTSSTADT UND UNSERER ZWEITEN HEIMAT TIMISOARA.”

Andrada Cretu ist auch die Herausgeberin von Uhochdrei – Das Magazin.

 

Geboren wurde Andrada Cretu in Timișoara, Rumänien.

„Wenn ich das Ulmer Münster sehe, bin ich zuhause.“
Timișoara, Rumänien
Geboren wurde Andrada Cretu in Timișoara, Rumänien.