Susanne Kocks zeichnet Zeit

Susanne Kocks zeichnet. Aber nicht im stillen Kämmerlein, sie agiert im öffentlichen Raum. Sie zeichnet fallendes Wasser von Brunnen, sitzende und fliegende Tauben, eigentlich zeichnet sie Zeit und nimmt so ein sehr besonderes Stadtbild auf. Vor allem geht es ihr um Bewegung, um Veränderung. Der Kunstverein Ulm hat Susanne Kocks eingeladen, Ulm – die internationale Stadt – in ihrer (alltäglichen) Bewegung festzuhalten, sie selbst kennt sich mit Saisonarbeit bestens aus.

 

Susanne Kocks, Bild von Katharina Ritter
Susanne Kocks, Bild von Katharina Ritter

 

Die Künstlerin selbst hat schon oft ihren temporären Lebensmittelpunkt verschoben: Saarbrücken zum Studium, Venedig zur Stadtrecherche, derzeit Karlsruhe. Seit zwei Jahren ist sie in Frankreich und Deutschland wochenweise mit einem Hausboot auf diversen Flüssen und Kanälen unterwegs. Rhein, Rhône, Doubs, Saar, Rhein-Marne-Kanal, wann folgt die Donau? Derzeit arbeitet sie unter anderem an einer umfangreichen Serie, die an Reisezeichnungen aus dem 18. Jahrhundert angelehnt ist.

 

Susanne Kocks, Bild von Katharina Ritter
Susanne Kocks, Bild von Katharina Ritter

 

Wie bringt Sie die Zeit aufs Papier? Im Sommer hat sie 3 Tage in Ulm gezeichnet, wir zeigen in der Ausstellung einen Arbeitstag. Auf einer fortlaufenden Papierrolle hat sie dokumentiert, was sich auf der Donau an ihr vorbei bewegt hat: Treibgut, Schiffe, Tiere. Aufgezeichnet hat sie das alles mit Füller in Richtung der Fliessbewegung der Donau, von rechts nach links. Die Donau durchfließt bzw. berührt zehn Länder und verbindet unterschiedliche Kulturkreise. Was kann man mit einem Blick erfassen, was kann man wie schnell wahrnehmen und festhalten?

Detail der Treibgutliste Donau I, 20.07.2018, Tinte auf Papier, ca. 640 x 70 cm, und die Papierrolle im Ausstellungsraum:

Susanne Kocks, Treibgutliste Donau I, 20.07.2018, Tinte auf Papier, ca. 640 x 70 cm

 

Susanne Kocks, Kunstverein Ulm, Bild von Martina Strilic
Susanne Kocks, Kunstverein Ulm, Bild von Martina Strilic

 

Außerdem zeigen wir Auszüge aus einzelner Projekte der Künstlerin, wie der „Parlamentarische Beobachter“, Wasserprotokolle und Mille piccioni (Tausend Tauben). Susanne Kocks untersucht in den Wasserprotokollen zeichnerisch Wasserbewegungen, gezeichnet sind diese mit Graphit auf Papier; der Ort un der Brunnen sind auf den Zeichnungen benannt, außerdem das Enstehungsdatum mit Uhrzeit – die Anfangszeit des Zeichnungsprozesses links oben und das Ende des Zeichnungsprozesses unten. Die Arbeit „Mille piccioni (Tausend Tauben)“, 04/2017// Tinte auf Papier, 8-teilig// je 42 x 59,4 cm beschreibt die Künstlerin folgendermaßen: „Die Zahl der berühmten, von den Venezianern ursprünglich aus historischen Gründen verehrten Tauben hat sich in der Lagunenstadt aufgrund eines Fütterungsverbotes stark dezimiert. Für eines der milliardenfach geknipsten Touristenfotos mit Vögeln auf Armen, Kopf und Schultern braucht man nun viel Glück oder gute Überredungskünste. Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz.“

Sie selbst versteht sich als Beobachterin: “Eigentlich spüren wir es permanent. Alles um uns verändert sich, bewegt sich mit der größten Selbstverständlichkeit, wir selbst sind mittendrin und ebenso ständigen Veränderungsprozessen unterworfen. Man kann unterschiedliche Dimensionen, Anlässe und Geschwindigkeiten ausmachen – das Ganze verwebt sich zu einem absurd komplexen Rhythmus. Sobald wir unsere temporären Wurzeln geschlagen haben, kehrt ein wenig Ruhe ein. Wir können die nähere Umgebung betrachten. Eindrücke sortieren sich allmählich. Und eine grundlegende Frage steht im Raum: Mit welchem Blick schaue ich heute in die Welt? Durch Beobachtung lernen wir, beginnen zu verstehen und entwickeln eventuell Empathie. Empathie mit einem im Fluss treibenden Krümel? – Oh ja, natürlich.”

Internetseite Susanne Kocks