Sie’este – Mädchen- & Frauenladen in Ulm

Um die 25-jährige Geschichte von Sie’ste – dem Mädchen- und Frauenladen – zu erzählen und gut begreifbar zu machen, muss man auf die Lebensgeschichte von einigen tollen Frauen zurückblicken.

Sie’ste Einrichtung. (Quelle: Lia Altenhofen da Silva).

 

Seit dem ersten Tag dabei ist eine sehr mutige und visionäre Frau, Frau Kaplan. 1972 ist sie von Anatolien nach Ulm gekommen, da ihr Mann hier als Gastarbeiter eine Anstellung fand und seitdem hier lebt und vielfach engagiert ist. Seither prägt das Ehepaar Kaplan die Stadtgesellschaft bezeichnend mit und ist ein beeindruckendes Beispiel zivilen Engagements in Ulm. Diese “sehr einfache Frau ohne Bildung oder Fachkenntnisse”, wie sie sich selbst beschreibt, hat damals, aufbauend auf ihrer eigenen Erfahrung, mit großer Menschlichkeit und ehrenamtlichem Engagement ein innovatives, neues Format entwickelt, um Frauen und Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund zu unterstützen und Begegnungen möglich zu machen. Aber auch 25 Jahre später wird die Arbeit von Sie’ste immer noch sehr gefragt und gebraucht.

Auf die Frage “Wie sah denn die erste Sitzung von Sie’ste aus, wer war dabei?” musste Frau Kaplan lachen, und an diesem Punkt ist klar geworden, dass Sie’ste kein “normaler” Verein ist.

 

 

Eroeffnung Sie’este vor 25 Jahren. (Quelle: Lia Altenhofen da Silva).

 

Alles fängt an bei einem Gespräch zwischen Frau Kaplan und der Lehrerin ihrer Tochter, die gesagt hatte: “Frau Kaplan, Sie sprechen so gut Deutsch und es gibt so viele Mütter hier in der Schule, die kein Wort Deutsch verstehen”.

1984 wurde von Frau Kaplan mit Unterstützung der Albrecht-Berblinger Grund- und Hauptschule ein Deutschkurs für Frauen, Hausaufgabenhilfe und Unterstützung für Eltern organisiert. Die Schule stellt Räume zur Verfügung – die Idee wurde umgesetzt.

Von diesen ersten Schritten und durch die Nähe zu Menschen, Nachbarn und vor allem gemeinsam mit Frauen aus der Weststadt entwickelte sich alles weiter bis zu Sie’ste von heute. Neben dem Angebot an Sprachkursen haben sich Frauen seither auch in anderen Kontexten getroffen, ausgetauscht und sich gegenseitig unterstützt.

 

Frau Kaplan und Frau Raeckel-Rehner vor der Austellung 25 Jahre Sie’ste. (Quelle: Lia Altenhofen da Silva).

 

Die Heilige Kaffeemaschine

Eines Tages spricht eine Frau einer katholischen Gemeinde Frau Kaplan an, ob sie denn mal die “Moschee-Frauen” kennenlernen könnte. Da erklärt Frau Kaplan: “Es gibt keine Moschee-Frauen, aber wir “türkischen” Frauen treffen uns regelmäßig und Sie sind herzlich eingeladen”. Im Roncalli-Haus fand die Frauengruppe, die sich vorher im Privaten traf, dann einen offiziellen Raum.

Frau Kaplan: “Ich werde das nie vergessen: Wir durften die Kaffeemaschine nicht benutzen und ich habe meine eigene Kaffeemaschine mitgebracht und die Glaskanne ist beim Transport kaputt gegangen. Die 20 DM taten mir damals in der Tasche weh”.

Aber das Vertrauen wuchs und schon ab dem zweiten Treffen durften die Frauen die “heilige” Kaffeemaschine auch nutzen. Die Einladungen für diese Treffen waren in fünf verschiedenen Sprachen geschrieben, aber die meisten waren türkisch-deutsche Frauen. Deswegen der Name “Türkisch-Deutsche Frauenfreundschaftgruppe”, weil die türkischen Frauen die Initiative ergriffen haben.

Man wird sich heute fragen, warum die Angebote spezifisch für Frauen und Mädchen sind.

Sie’ste entstand aus einer Initiative von Frauen, die in unterschiedlichen Einrichtungen des Jugend-, Sozial- und Bildungsbereiches hauptamtlich in Ulm tätig waren. Sie hatten dort die Erfahrung gemacht, dass in den Jugendeinrichtungen nur Jungen anzutreffen waren und Mädchen von den bestehenden Angeboten nicht angesprochen wurden. Es waren Frauen vom Stadtjugendring (Ulrike Moll, Corina Techt), der AWO (Susan Wagner), der Kontaktstelle für die ausländische Bürgerschaft (heute die Koordinierungsstelle Internationale Stadt), Ulla Waterkemper, kath. Jugendhilfswerke (Marienheim) (Susanne Finn), und Frauen aus dem JugendhausInseltreff (Claudia Weissinger-Sonntag).

Parallel dazu wurde schnell klar, die “Türkisch-Deutsche Frauenfreundschaftgruppe”, bräuchte einen neutralen Ort – so Frau Kaplan – um sich regelmäßig zu treffen und Deutschkurse anbieten zu können. Für Mädchen war die Hürden groß, ein “normales” Jugendhaus oder einen Jugendtreff zu besuchen. So wurde ein neuer Ort geschaffen, ein sicherer Hafen, niederschwellig und mehrsprachig – das war der Grundstein für die Arbeit von Sie’ste. Wenn die Mama kommt, kommt vielleicht auch die Tochter mit – das macht den ersten Schritt einfacher, weitere Schritte sind dann alleine leichter zu gehen.

Internationales Frauencafé. Für alle Frauen jeden Alters und jeder Nationalität. (Quelle: Lia Altenhofen da Silva).

 

Und so wurde das Konzept vom Mädchen-und-Frauen-Laden erarbeitet und umgesetzt. Es braucht aber auch das Engagement und die Initiative von Einzelnen, um diese wichtige interkulturelle Frauen- und Mädchenarbeit seit 25 Jahren so erfolgreich umzusetzen. Frauen wie Frau Kaplan und andere, die als Vorbild dienen, Anerkennung geben und die Brücke schaffen, Vertrauen mit den Familien aufzubauen.

Wir bekommen Rückenwind

1994 gab es dann “Rückenwind”, so beschreibt Frau Kaplan den Beitritt einer weiteren Kämpferinnennatur in Sie’ste, Frau Räkel-Rehner. Sie bereicherte die Arbeit von Sie’ste und trug mir ihrer vielseitigen Kompetenz zur Nachhaltigkeit des Vereins bei.

Ein Glücksfall

Zur Person und zum Beitrag von Frau Räkel- Rehner für Sie’ste sagt Frau Kaplan, das sei einfach ein Glücksfall gewesen. “Sie konnte auf eine andere Art als ich kämpfen und ist sicher eine der Frauen, die Sie’ste so erfolgreich machen. Wir ergänzen uns einfach prima”. Frau Kaplan ist diejenige, die die Menschen kennt, die Bedürfnisse mitbekommt, entweder, weil sie Frauen direkt anspricht aber auch indem sie Frauen zu Sie’ste mitbringt. Und Frau Räkel-Rehner ist sehr politisch, durch ihr Engagement kann sie Sachen sehr gut organisieren, sie weiß, wie sie man das angeht.

Frau Kaplan zum Beispiel läuft durch die Weststadt und hat die Mädchen auf der Straße überzeugt und sie zu Schwimmkursen und zum Fußball mitgebracht! Räkel-Rehner argumentiert gut mit der Stadtverwaltung über die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Räumlichkeiten für Sie’ste.

Zuletzt meint Frau Räkel-Rehner, dass ganz sicher ein besonderer Erfolgsfaktor des Vereins und dessen Geschichte ist, dass Vorstand und Mitglieder gemeinsam auf Augenhöhe, mit hoher Transparenz, Offenheit und Gleichberechtigung arbeiten. Und so treffen sie Entscheidungen und leben gleichzeitig die Werte, die sie bei Sie’ste reflektieren und mit denen sie gemeinsam auch weiterhin viele Mädchen und Frauen stärken wollen.

Sie’ste ist kein fertiges Konzept

So sagen sie über die Zukunft und Visionen für die nächsten 25 Jahre: “Sie’ste ist kein fertiges Konzept, es ist so gewachsen und wird weiterwachsen und sich immer weiter- und neu entwickeln”. Und der Vorstand achtet darauf, dass sie neue “Kämpferinnen”, also starke Nachwuchsfrauen, finden, die gemeinsam mit Sie’ste weiterhin einen Beitrag leisten für eine gelebte internationale Stadt Ulm.

– von Lia Altenhofen da Silva

 

Zur Webseite von Sie’ste Mädchen- & Frauenladen

Hier finden Sie eine Dokumentation mit weiteren Details zur 25-jährigen Geschichte von Sie’ste

Südwestpresse: Frauengruppe im “Sieste” häkelt, strickt und werkelt

Südwestpresse: Sie’ste macht Mädchen stark

Sie’este – Mädchen- & Frauenladen in Ulm
Moltkestraße 72, Ulm, Deutschland