Rat der Religionen in Ulm – Ein Porträt

Von Lia Altenhofen da Silva

 

An einem angenehm lauen Frühlingsabend empfing uns Rabbiner Shneur Trebnik in der Synagoge. Mit einem Lachen im Gesicht begrüßte er mich und die Fotografin Bibiana. Als wir eintraten, wurden wir von weiteren zwei Herren begrüßt, die uns schon gespannt erwarteten. Darunter der Theologe und Imam Israfil Polat sowie der evangelische Pfarrer der Martin-Luther-Kirche und stellvertretender Dekan Volker Bleil.

Die Zusammensetzung unserer Runde in der Synagoge scheint auf den ersten Blick verwirrend. Doch sobald man weiß, dass Herr Trebnik, Herr Polat und Herr Bleil den Sprecherrat des Rates der Religionen bilden, versteht man das Trio.

Die Frage, die sich jetzt noch stellt ist folgende: Warum treffen Bibiana und ich uns mit dem Sprecherrat des Rates der Religionen? Doch auch diese Frage ist schnell zu beantworten. Grund unseres Treffens war ein Interview, dessen Inhalt ich gerne mit euch teilen möchte.

links nach rechts: Imam Israfil Polat, Rabbiner Shneur Trebnik und Pfarrer Volker Bleil

 

Gründung & Arbeit des Rates der Religionen:

Nach dem Motto „Aller Anfang ist schwer – wohnt aber auch ein Zauber inne“ ist zunächst interessant wie Alles begann. Von Rabbiner Trebnik zu hören, dass die erste offizielle Sitzung des Rates der Religionen auf einer langen inoffiziellen Vorgeschichte beruht war spannend zu hören. Gut zu wissen, dass es einen interreligiösen Dialog sowie die Zusammenarbeit zwischen Religionen in Ulm schon seit langer Zeit gibt. Auch wenn diese Anfänge nur bedarfsweise gestaltet wurden und es bis zur Gründung des Rates der Religionen keine offiziellen Sitzungen gab.

Aus der inoffiziellen Arbeit entstanden unterschiedliche Überlegungen darüber wie die Zusammenarbeit hier in Ulm verbessert werden könnte. Am Ende dieser Überlegungen stand dann die Idee gemeinsam einen Rat der Religionen zu gründen. Nach mehreren Gesprächen und Treffen wurde gemeinsam unter der Leitung von Dekan Hambücher eine Satzung erarbeitet.

Die Idee eines Rates der Religionen gab es schon in anderen, zum Teil größeren Städten wie Frankfurt. Aber dennoch ist Ulm nicht nur einer der Vorreiter und Vorbilder in Baden-Württemberg, sondern deutschlandweit. Nur in wenigen Kommunen ist ein solches Format in dieser Art vorhanden. So wird der Ulmer Rat der Religionen Ulm immer mehr zum Ratgeber und Helfer für Gründungen von neuen Räten der Religionen im Land.

Mitglieder im Rat der Religionen:

In Ulm sind Mitglieder der Alevitischer Kulturverein, der Türkisch-Islamischer Kulturverein e. V. DITIB, der Evangelischer Kirchenbezirk Ulm, das Islamisches Kultur Center Ulm, die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs und das Katholisches Dekanat Ehingen-Ulm.

Was macht der Rat der Religionen:

Primär versucht sich der Rat der Religionen mit Problemen oder Fragestellungen zu beschäftigen, die in der Ulmer Stadtgesellschaft in Bezug auf Religionen und Konfessionen auftreten. Die Arbeit gliedert sich in viele verschiedene Bereiche. Ein aktuelles Thema im Rat der Religionen ist ein interreligiöser Gottesdienst für Schulen. Doch der Rat der Religionen beschäftigt sich nicht nur mit theologischen Fragen, sondern auch mit der Praxis und Alltagssituationen.

Das Ziel ist ein friedliches und gutes Zusammenleben in Ulm, so dass Alle ihre Religion frei ausüben können. Darüber hinaus ist die Pflege des interreligiösen Kontaktes von großer Bedeutung.

Außerdem ist der Rat der Religion ein öffentliches Zeichen für Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die zusammen steht, wenn religiös motivierte Anschläge auf Gotteshäuser oder Übergriffe auf Menschen kollektive Reaktionen erfordern. Gemeinsam sendet man das Signal, dass solche Taten inakzeptabel sind, egal welcher Religion man zugehörig ist. Auch hat der Rat der Religionen gemeinsam mit dem Friedhofsamt Unterschiedliche Bestattungsregeln für muslimische Verstorbene erarbeitet. So können diese nun beispielsweise – gemäß ihren religiösen Vorschriften – ohne Sarg im Leintuch bestattet werden. Bis dahin mussten die meisten muslimischen Gläubigen einen Rücktransport ins erste Heimatland dafür organisieren. So können sie nun an ihrem Lebens- und aktuellem Heimatort Ulm nach ihren religiösen Regeln bestattet werden.

Lia Altenhofen da Silva zusammen mit dem Sprecherrat des Rates der Religionen.

 

Ist der Rat der Religionen ein Vorbild für die Gesellschaft?

Der Rat der Religionen ist ein Vorbild für die Gesellschaft. Er zeigt auf öffentlicher Ebene, dass ein friedliches Miteinander verschiedenster Religionen und Kulturen eine Bereicherung darstellt. Dabei ist vor allem die Haltung des Rates der Religionen herauszuheben. Die Arbeit auf Augenhöhe, bei welcher man stets um Gleichberechtigung innerhalb der Institution bemüht ist, ist vorbildlich und ein wichtiges Zeichen.

Ein anderes Beispiel, bei dem der Rat der Religionen echten Vorbildcharakter beweist, ist folgendes. Der Rat der Religionen fördert nicht nur die interreligiöse Zusammenarbeit, auch der Austausch zwischen Religionen und der Stadtverwaltung wird aktiv gelebt, da die Stadtverwaltung auch Teil des Rates der Religionen ist, als beratendes – nicht stimmberechtigtes – Mitglied um die Separation zwischen Staat und Kirche zu wahren.

Religionen im Dialog.

 

Zukunft, Ziele, Projekte:

Das Thema Schulen ist im Rat der Religionen ein sehr präsentes, da Schwierigkeiten zwischen Schülern/innen aus verschiedenen Kulturen und Herkünften zum Schulalltag gehören. Dem Rat der Religionen ist es ein Anliegen solchen Problemen aktiv entgegenzuwirken. So entstand die Idee des interreligiösen Gottesdienstes an Schulen. Dieser ist ein großes, zukünftiges Projekt. Ziel ist es, dass ein friedliches Miteinander in den Schulen zwischen allen Religionen geschaffen wird. Eine Orientierung an Gemeinsamkeiten und ethischen Werten soll dabei helfen.

Ein weiteres Ziel des Rates der Religionen ist es die Toleranz und Begegnung zu fördern. Eine Veranstaltung wie der „Treff der Religionen“ kann so auch kleine Religionen in Kontakt bringen.

Welche Rolle spielt die Trennung zwischen Staat und Religion im Hinblick auf die Arbeit des Rates der Religionen: die Trennung zwischen dem Staat und den Kirchen in Deutschland ist nach der Ansicht des Sprecherrates sehr positiv zu bewerten, da der Staat die Glaubens- und Religionsfreiheit schützt. Dies dient dem Frieden. Rabbiner Trebnik ist jedoch der Meinung, dass in der alltäglichen Praxis die Stadtverwaltung, die Religionen und die Menschen nicht voneinander getrennt werden können.

Imam Polat beendet unser Interview mit einem schönen Gedanken, der noch lange auf uns wirkt:

Man kann die Religion nicht wie eine Jacke ausziehen. Man kann nicht entscheiden, dass man sie jetzt aus- oder anzieht. Man ist immer der gleiche Mensch.

Weitere Infos zum Rat der Religionen Ulm: http://www.ratderreligionen-ulm.de

Wenn Sie ein Anliegen an den Rat haben, schreiben Sie uns eine Email: info@ratderreligionen-ulm.de

Interview und Text: Lia Altenhofen da Silva

Fotos: Bibiana Rodrigues Goulart