Ramo Ali: “Ohne Theater konnte ich nicht leben!”

Ramo Ali, *13. Juni 1985 in Qamischli, Syrien, Schauspieler

Ramo, wann bist Du nach Ulm gekommen?

Ich bin am 14. April 2011 in Düsseldorf am Flughafen gelandet, bin eine Woche lang in Bielefeld geblieben, habe Asyl beantragt und habe dann einen Transfer nach München bekommen, wo ich drei Monate gelebt habe. Danach habe ich einen Transfer nach Neu-Ulm bekommen. Dort musste ich bleiben, bis ich meinen Aufenthaltstitel erhalte habe und mir den Wohnort frei wählen konnte. Damals lief es noch nicht wie heute. Ich musste ein Jahr und sieben Monate in Neu-Ulm in einem Asylbewerberheim wohnen. Mein Ziel war es, ein eigenes Zimmer zu haben! Ich wollte raus aus dem Asylbewerberheim. Ich habe nach der Zeit dort sofort ein Zimmer gefunden, in der Olgastraße, beim Willy Brandt-Platz. Aber bis dahin habe ich so viel Kontakt in Ulm aufgenommen, wie ich konnte. Und mit der Zeit ist Ulm meine zweite Heimatstadt geworden, weil ich alles kenne.

Ich war 2011 plötzlich planlos in Deutschland, mit 26. In München kannte ich niemanden und kannte die Stadt nicht. Was ich getan habe um nicht depressiv zu werden und keine Drogen zu nehmen war, in die Stadt zu gehen und loszulaufen. Ohne Ziel. Kilometerweit. Und wenn ich müde wurde, habe ich selbstständig den Weg zurück zum Heim gesucht. Ohne ein Wort Deutsch oder einem Handy. Dann war ich kaputt und bin ins Bett gefallen.

In Ulm hat diese Strategie nicht mehr funktioniert … Auch wenn ich 15 Kilometer laufe, drehe ich mich um und sehe das Münster! So habe ich jede Gasse und jede Ecke hier kennengelernt. Und nach einem Jahr und sechs Monaten, bin ich hier geblieben. Gerade auf dem Weg hier her zum Theater hat mich jemand gefragt, wo die Karlstraße ist und ich habe es ihm voller Stolz gezeigt. Ulm ist meine Heimatstadt. Ich fühle mich überhaupt nicht fremd hier! Das ist für einen Flüchtling, der 26 Jahre hinter sich gelassen hat und ‚”nackt” hier her gekommen ist, sehr wertvoll. Wenn ich im Zug ‚”Ulm Hbf” sehe, [pfeift] dann geht die Müdigkeit weg, ich bin zuhause. In anderen Städten kommt das Gefühl von 2011 wieder hoch. Ich freue mich wenn ich weiß, dass ich zurück nach Ulm komme. Ich arbeite momentan europaweit, aber ich wohne in Ulm. Hier tanke ich meine Energie.

Wieso bist Du geflohen?

Meine Flucht hatte einen politischen Hintergrund. Ich bin kein politischer Mensch, Politik ist nicht mein Ding. Ich bin geborener Kurde aber gezwungenermaßen Araber, weil ich Syrer bin. Die ganze politische Sache ist mir egal. Ich gebe keinen Tropfen Blut für irgendein Land. Ich war nie politisch aktiv. Mein Leben war das Theater. Und dort musste man auf arabisch spielen! Unsere kurdischen Bücher, Lieder und Namen waren verboten. Ich hatte als Schauspieler und Künstler immer den Wunsch, auf meiner Muttersprache zu spielen. Wollte wissen, wie sich das anfühlt! Kurdisch ist meine erste Muttersprache, Arabisch die Zweite.

2009 haben wir unser Neujahrsfest gefeiert, am Mittelmeer. Dort gab es ein kulturelles Programm mit traditioneller Kleidung, Gedichten, Liedern und Theater! Und mir wurde angeboten, ein paar Sketche auf kurdisch aufzuführen. Aber mit einer Sache hatte ich nicht gerechtet. Ich kam zurück an die Grenze und wurde direkt verhaftet. Das Fest wurde von einer kurdischen Partei finanziert. Davon wusste ich nichts. Dann wurde ich zwei Monate und 28 Tage in einer 1 qm-Zelle gefangen gehalten. Ich wusste selber nicht, wo ich war. Auch meine Familie nicht. Mir wurde alles weggenommen und ich wurde verhört. Namen, Zahlen, was wir planen, wie viele syrische Soldaten ich umgebracht hatte, … Viele Fragen wurden mir gestellt. Im Endeffekt wurde ich entlassen, ohne Reisepass und mit Berufsverbot.

Ohne Theater konnte ich aber nicht leben! Also wurde ich aktiv für ein online-Magazin für Kunst. Das war mein zweiter Fehler. Die Staatssicherheit kam zu mir nach Hause, zog meine Festplatte ein und ich wurde gesucht. Da musste ich fliehen. Nach einem zweiten Gefängnisaufenthalt …

Wie kamst Du nach Deutschland?

Ich kam mit einem Schlepper zu Fuß in die Türkei, weiter mit einem Bus nach Istanbul, nach zwei Versuchen, über die Grenze nach Griechenland. Dort war ich dann sechs Tage im Gefängnis. Danach musste ich Griechenland innerhalb von einem Monat verlassen und kam nach Deutschland. Das ist jetzt die Kurzfassung. Natürlich war es sehr viel mehr Drama. Und als ich dann hier war, wusste ich immer noch nicht, wie lange ich warten würde, bis ich “frei” sein würde. Wenn ich den Landkreis Neu-Ulm verlassen wollte, brauchte ich eine Genehmigung vom Landratsamt. Ulm war eine Ausnahme.

Was ist deine erste Erinnerung, die Du von Ulm und Neu-Ulm hast?

Als ich hier angekommen bin, war “Gelber Sack”-Tag! Ich bin aus dem Zug gestiegen und überall war alles voller Müllsäcke! Und die Straßen waren leer, keine Menschen, nur Müll! Ich dachte mir: “Was ist denn hier los?”

Ich hatte nur eine Adresse und eine Karte dabei, die ich nicht lesen konnte. Ich habe einen Taxifahrer gefragt und er wollte mich nicht dort hinfahren! Bis ich mit viel ‚Zeichensprache verstanden habe, dass ich direkt in der Nähe vom Wohnheim war.

Am nächsten Tag bin ich losgelaufen und an der Donau gelandet. Wenn mich die Menschen fragen, wer die erste Person war, die ich in Ulm kennengelernt habe, dann muss ich sagen “Es war keine Person, es war die Donau!” Ich dachte lange, “Fluss” heißt auf Deutsch übersetzt “Donau” Erst nach einigen Monaten habe ich verstanden, dass dieser Fluss so heißt! Und ich habe mich daran erinnert, dass ich in der Schule über die Donau gelernt habe!

Heute sehe ich meine Heimatstadt Qamischli als meine Mutter und Ulm als eine sehr gute Stiefmutter. Es gibt Stiefmütter, die tausend Mal besser sind als die Mutter.

Hast Du hier Deutsch gelernt?

Wir Flüchtlinge haben zu der Zeit 40,- € Taschengeld im Monat bekommen. Ein richtiger Deutschkurs kostete mehrer Hundert Euro. Ich habe versucht, einen Deutschkurs über die Diakonie zu bekommen. Aber ich musste zwei Jahre warten. Wenn man anerkannt wird, bekommt man einen Deutschkurs bezahlt. Also habe ich angefangen, selbst Deutsch zu lernen. Ich habe mir ein Wörterbuch gekauft und habe versucht, pro Tag drei Worte zu lernen. Und ich habe den ganzen Tag deutsches Radio gehört. Der erste deutsche Satz, den ich gelernt habe, war: “A8, München Richtung Stuttgart, drei Kilometer Stau.”

Aber mit dieser Strategie habe ich nur Worte gelernt und keine Sätze. Ich brauchte also Kontakt! Es gab ein Internetcafé, in dem ich oft war. Dort habe ich dann mit Google übersetzt und nach Theatern in Ulm gesucht. Und dann habe ich das Akademietheater Ulm entdeckt. Ein paar Tage später, war ich mit der Straßenbahn unterwegs und habe nur “Nächster Halt: Theater Ulm” gehört und bin ausgestiegen. Ich stand da, habe mir den Ort gemerkt und bin am Abend wiedergekommen. Das Ticket an dem Abend hat 14,- € gekostet. Ich hatte nur noch 25,- € und die Hälfte des Monats war erst vorbei! Ich habe mir trotzdem das Ticket gekauft. Ich bin dann abends immer wieder hin und habe mir die Plakate angeschaut und mich gefragt, ob ich jemals dort stehen werde.

Mit Unterstützung einer Bekannten, die heute meine Freundin ist, habe ich dann einen Brief an die adk Ulm geschrieben. Per Post kam ein Terminvorschlag zurück! Ich bin also hochgefahren und habe mich mit Jens [Jens Franke, damals stellvertretende Leitung der adk Ulm. Anm.d.Red.] getroffen. Meine große Angst war, dass er merkt, dass ich nicht Deutsch spreche. Ich habe zu allem “Ja!” gesagt, ohne wirklich zu verstehen, was er sagt! Nach drei Monaten haben wir uns wieder getroffen. Ich durfte zwar zu der Zeit kein Geld verdienen, aber da ich Schreiner bin, konnte ich viel machen und ich wollte nur neue Kontakte und zusehen, wie dort Theater gemacht wird. Ich war jeden Tag der Erste und der Letzte dort.

Mitte 2012 wurde ich anerkannt. Als ich dann einen Deutschkurs bekommen habe, habe ich mich gefreut wie ein Schulkind am ersten Schultag. Dann kam die Lehrerin und sagte “Haaallooo! Iiich heeeißeee Baaarbaraaa. Uuund Duuu”? Ich war einfach schon viel weiter. Und dann hat mir Ralf Rainer Reimann [damaliger Geschäftsführer und Leiter der adk. Anm. d. Red.] eine Stelle an der adk angeboten. Kein Deutschkurs, kein Jobcenter mehr. Bis heute.

Zieht es dich manchmal nach Syrien zurück?

Nein. Ich war nach fünf Jahren in Deutschland beruflich für sechs Tage in Syrien. Das war nicht mehr meine Heimatstadt. Das war alles fremd und ein Schock. Die Menschen dort waren mir fremd. Über die Hälfte der Stadt ist geflohen. Ich habe keine Freunde mehr dort. Entweder sind sie seit langem geflohen oder kämpfen in irgendeiner Gruppe oder sind gestorben. Die Menschen sind nicht mehr die Menschen, die Straßen sind nicht mehr die Straßen. Ich vermisse meine Heimatstadt, aber sie ist nicht mehr da! Überall sind Kontrollen, Waffen, Kämpfer. Ich habe mich nur gefreut, meine Mutter zu treffen, die dort lebt! Es tut so unglaublich weh, wenn meine Mutter sagt: “Wann kommst Du mal wieder? Ich habe dich vermisst“. Meine Mutter wusste anfangs nicht, dass ich geflüchtet bin. Erst 2014 habe ich ihr die ganze Wahrheit gesagt. Jetzt fragt sie mich “Wann sehe ich meine Enkeltochter”? Das bringt mich jedes Mal um. In Syrien nennen wir die Beziehung zwischen Mutter, ihren Kindern und den Geschwistern untereinander “Gebärmutterbeziehung” Das ist uns so heilig!

Beschäftigt dich die heutige Situation in Syrien sehr?

Ja, die Gedanken bleiben dort. Meine Familie ist dort. Geschwister, deren Kinder, meine Mutter. Ich kann 26 Jahre meines Lebens nicht wegschmeißen. Das kann ich nicht vergessen. In Deutschland bin ich sozusagen sieben Jahre alt. Ich bin hier her gekommen, wie ein Kind und musste alles lernen. Wie man spricht, was man isst, der Straßenverkehr – alles ist anders! Meine Einzimmerwohnung in der Olgastraße war der alte Ramo, das war meine Welt. Sobald ich außerhalb war, musste ich so leben, wie alle hier leben und alle respektieren! Und das bezieht sich auch auf die schrecklichen Nachrichten, die ich sehe. Ich schlafe seit sieben Jahren schlecht. Seit dem Gefängnis. Und ich muss, bevor ich schlafen gehe und wenn ich aufwache, Nachrichten über Syrien hören oder lesen. Ich weiß, das ist nicht gut. Aber ich kann nicht anders. Es ist hart und es tut weh. Nicht, weil ich zu irgendeiner Gruppierung halte. Ich bin gegen alle, gegen jeden, der eine Waffe in der Hand hält. Sobald ich in meinem Zimmer war, konnte ich mich auskotzen und traurig sein. Aber das wollte ich nicht nach außen spiegeln, um kein Mitleid zu bekommen oder arm zu wirken. Ich bin nicht arm, ich habe nur ein Schicksal!

Machst Du dir Gedanken über die Zukunft?

Das hat sich geändert, als ich 2016 Papa geworden bin. Ich habe früher nicht an die Zukunft gedacht, nach allem was ich erlebt habe. Man baut jahrelang etwas auf und dann ist auf ein Mal alles weg. Ich hatte keine Kraft mehr und ich habe nur für den Tag gelebt. Weil ich mir nicht sicher war, ob ich morgen noch leben würde. Aber seitdem ich Papa bin, bin ich nicht mehr nur für mich verantwortlich. Und wenn ich an meine Kinder denke, möchte ich sie hier in Ulm großziehen.

Ich bin Syrer und Moslem, meine Freundin ist Deutsche und Christin und meine Tochter heißt Maria und hat keine Konfession. Das soll sie später entscheiden. Das ist mir egal.

 

Ramo wurde in Qamischli in Syrien geboren.
Heute arbeitet er international für Theater & Fernsehen.

Ramo Ali: “Ohne Theater konnte ich nicht leben!”
Qamischli, Syrien