„Mein Ankommen in Ulm“

Franz
* Jahrmarkt/Giarmata, Rumänien

Nachdem die schwere Endscheidung – gehen oder bleiben – getroffen war, sind auch wir vom sogenannten „Deutschlandfieber“ befallen worden. Gefühlt ist beinahe täglich ein Nachbar oder Arbeitskollege, den man jahrelang kannte, nicht mehr da gewesen. Manche haben das Land mit Ausreisepapieren ganz legal verlassen. Andere sind einfach heimlich über die grüne Grenze verschwunden. Unter den Banater Deutschen gab es nur noch ein Gesprächsthema: „Hastʼ schon gehört, der und der ist weg?!“ Wo war die Quelle? Wo ist der Mann, der uns weiterhelfen kann?

Endlich war es so weit, auch wir bekamen die Ausreisepapiere. Aber wohin nach Deutschland sollten wir gehen? Wir haben uns für Ulm entschieden, weil der Mann meiner Schwägerin in Ulm studierte. In Nürnberg wurden wir registriert und am nächsten Tag ging es nach Rastatt. Dort wurden noch einige Aufnahmeverfahren erledigt. Am 1. Dezember 1983 sind wir morgens mit dem Bus in Richtung Ulm gefahren. Der Weg nach Ulm dauerte bis in den späten Abend. Überall auf dem Weg hielt der Bus an einem Wohnheim und wir wurden immer weniger. Als nur noch wir allein im Bus waren, wussten wir, jetzt bleibt der Bus nicht mehr stehen bis Ulm. Schon von weitem sahen wir das Ulmer Münster. Endlich angekommen in Ulm. Müde aber glücklich. Wir hatten unser lang ersehntes Ziel erreicht.

„Für mich als Familienforscher ist das Auswanderungsdenkmal am Donauschwaben-Ufer ein Lieblingsort in Ulm.“

 

Am Freitag, dem 2. Dezember 1983, einem kalten Wintermorgen, hat uns mein Schwager mit dem Auto abgeholt und wir fuhren von Amt zu Amt, wo wir immer wieder Anträge ausfüllen mussten. Einwohnermeldeamt, Arbeitsamt, Landratsamt, Sparkasse etc.. Mein erster Spaziergang war am 3. Dezember. Vom Wohnheim am Kuhberg ging es in Richtung Ulmer Münster. Am Ehinger Tor sah ich ein Schild, welches den Weg zu einem Flohmarkt zeigte. Ich war überrascht, dass es auch in Deutschland einen Flohmarkt gibt. Den wollte ich mir unbedingt anschauen. Das Münster konnte warten, das läuft ja nicht weg. Der Flohmarkt war im Hof, wo heute das DZM ist. Interessant war aber auch das Gebäude davor (die Festung). Ich wollte mir alles genau ansehen und auf einmal war ich an der Donau, an der Stelle wo das Auswanderungsdenkmal steht. In Rumänien habe ich die Donau nur von weitem gesehen. Wir durften ja nicht näher als 30 km an die Grenze. Ich stand alleine da. Weit und breit war kein Mensch zu sehen und ich wusste nicht, ob das wahr ist oder nur ein Traum.

Am Montag, dem 5. Dezember 1983, fuhren wir zuerst zum Einwohnermeldeamt. Mein Pass für Staatenlose (die rumänische Staatsbürgerschaft mussten wir in Rumänien vor der Aussiedlung abgeben), der nur noch einige Tage gültig war, wurde als ungültig abgestempelt und ich bekam meinen deutschen Personalausweis und meinen deutschen Reisepass. Ein lang ersehnter Traum war wahr geworden. Am Dienstag waren wir allein zu Fuß unterwegs. Mein Schwager war mit seinen Prüfungsarbeiten beschäftigt. Aber wenn man vorher mit dem Auto unterwegs war, ist es gar nicht so einfach, zu Fuß bei bitterer Kälte in einer ganz unbekannten Stadt die verschiedenen Ämter zu finden. Durch viel Nachfragen haben wir es dennoch geschafft. So ging es die nächste Zeit weiter. Ich war immer unterwegs. Zu Fuß vom Kuhberg in die Stadt. Zum Einkaufen und mindestens drei- bis viermal in der Woche auch zum Arbeitsamt. Immer, wenn ich glaubte, etwas gefunden zu haben und nach der Anschrift fragte, sagte mir der zuständige Sachbearbeiter: „Das ist nichts für Sie.“ Nebenbei wurde unsere Familie am 6. Februar 1984 auch eingebürgert.

Direktor Jakobi vom Ulmer Arbeitsamt war öfters im Wohnheim. So erhielt ich von ihm den Rat, mein rumänisches Prüfungszeugnis bei der Industrie- und Handelskammer anerkennen zu lassen und mich damit zur Meisterprüfung anzumelden. Am 17. Januar 1984 wurde mein rumänisches Prüfungszeugnis durch die IHK als gleichwertig zum Ausbildungsberuf Handschuhmacher anerkannt. Ich meldete mich dann am 13. Februar 1984 zur Meisterprüfung für Handschuhmacher an. Ich ging weiter fleißig zum Arbeitsamt und suchte und suchte. Ich wusste ja nicht, wann die nächste Meisterprüfung ist, und ob ich zugelassen werde. Ich war ja immer noch arbeitssuchend und da hätte das Arbeitsamt alles finanzieren müssen. Eine Stellenanzeige als Leder-Mustermacher im „Contesa-Werk Schelklingen“ die hatte mein Interesse geweckt. Ich habe mehrmals meinen Sachbearbeiter im Arbeitsamt darauf angesprochen. Immer bekam ich die gleiche Antwort: „Das ist nichts für Sie“. Da ich die Adresse vom Arbeitsamt nicht bekam, suchte ich im Telefonbuch und habe überall nachgefragt, aber niemand, den ich kannte, wusste was von einem Contesa-Werk in Schelklingen. So vergingen die Tage. Als ich schon nicht mehr daran glaubte, bekam ich die Nachricht, dass die Schulung zur Meisterprüfung Ende März beginnt. Von Reutlingen, wo diese Prüfung stattfand, wurde ich immer wieder an den Anmeldungstermin erinnert. Ich brachte diese Schreiben immer zum Arbeitsamt und erhielt immer die Antwort: „Sie hören von uns.“ Eine Woche vor Beginn der Schulung ging es auf einmal ganz schnell. Das Arbeitsamt rief an und ich sollte mich am nächsten Tag in Schelklingen um zehn Uhr bei der Firma Zeiss Ikon melden.

Wie ich später erfuhr, war dieses unbekannte Contesa-Werk eigentlich die Schelklinger Firma Zeiss Ikon. Ich wurde von der Sekretärin in den Besprechungsraum geführt. Nach kurzem Warten kamen der Betriebsleiter und der Personalchef, mit einem Wörterbuch unter dem Arm. Ich war sehr angespannt. Ich wusste ja nicht, wie so ein Bewerbungsgespräch abläuft. Nach der Begrüßung starrten mich die beiden eine gefühlte Ewigkeit an und zu meiner Überraschung flüsterte der Personalchef dem Betriebsleiter zu: „Der sieht aber noch sehr jung aus für seine 52 Jahre.“ Ich klärte dann auf, dass ich im Jahre 1952 geboren und nicht 52 Jahre alt bin. Der Personalchef legte ganz verlegen das Wörterbuch beiseite und der Betriebsleiter meinte, dass wir doch lieber deutsch reden sollten. Bei der Besprechung erfuhr ich dann, dass eine ganze Serie von Taschen für Motorola-Funkgeräte entwickelt werden soll. Bei der Besichtigung der Produktionshalle der Lederfertigung überzeugten sich die beiden, dass ich das Lederhandwerk beherrsche. In Rumänien habe ich ja die Lederverarbeitung von der Gerberei bis zur Fertigung der Lederhandschuhe gelernt. Da wir dort größtenteils für den Westen produziert haben, so hatten wir auch mit den modernen, westlichen Maschinen gearbeitet. Die Frage war nur noch, wann ich anfangen kann. Ich musste dies noch abklären, da ich ja schon zur Meisterschule angemeldet war. Wir verabschiedeten uns und vereinbarten, dass ich mich Montag melde. Als ich dann montags anrief, sagte mir der Personalchef, dass der Betriebsleiter schon bei ihm nachgefragt hat, und er soll mir mitteilen, dass ich gleich eine Mark mehr Stundenlohn bekomme als mir im Vorstellungsgespräch angeboten wurde. Ich dachte, das fängt ja gut an, schon vor dem ersten Tag eine Lohnerhöhung. Ich hatte mir bis dahin keine großen Gedanken um den Stundenlohn gemacht. Mir war nur wichtig, dass ich eine Arbeit finde, die mir Spaß macht. Mein Motto: „Suche dir eine Arbeit, die dir Spaß macht und du brauchst dein Leben nicht mehr zu arbeiten.“ Ich habe dann dienstags bei Zeiss in Schelklingen begonnen und viele Muster entwickelt. Im Jahre 1991 ist der alte Meister in Rente gegangen und von da an war ich auch Leiter der Lederfertigung.

Im August 1985 war ich zu Besuch in der alten Heimat. Dort lebten noch meine Eltern, mein Bruder und meine zwei Großmütter. Nach acht Tagen bin ich zurück nach Ulm. Dort war ich jetzt zuhause. Eines Tages stand ich an der Ampel und ein Auto fuhr vorbei. Da stand doch Junginger darauf, mein Nachname. Ich war mir aber nicht ganz sicher, ob ich das richtig gelesen habe. Ich wollte es wissen, ich musste es wissen. Auf einmal waren hunderte Fragen da: Wer bin ich eigentlich und von wem stamme ich ab? Ist es ein Zufall, dass ich jetzt in Ulm bin? Wie viele meiner Vorfahren waren vor mehr als zweihundert Jahren vor mir schon in Ulm? Woher kamen diese? Wo sind meine Wurzeln? Warum sind meine Vorfahren ausgewandert? Im Stadtarchiv fand ich heraus, dass am 6. Juli 1786 ein Johann Junginger aus Heidenheim an der Brenz eine Anna-Maria Gräffler aus Dettingen auf dem Weg ins Banat im Ulmer Münster heiratete. Das kann doch nicht sein, dass ich zweihundert Jahre später zufällig nach Ulm komme. Der Bruder von meinem Großvater, ein Nikolaus Junginger, wurde nach dem Krieg nach Ulm entlassen. Auch ein Zufall? Im 18. Jahrhundert waren weit über hundert meiner Vorfahren, die ins Banat ausgewandert sind, auch schon in Ulm. Man sagt doch, man lebt in den Vorfahren weiter. Ja, da kann ich sagen, ich bin nach Ulm „zurück zu meiner Herkunft“ gekommen. Geschichte hat mich schon immer interessiert und so begann ich nach meinen Vorfahren zu forschen. Mit der Familienforschung begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit und zu unseren Vorfahren. Schritt für Schritt offenbart sich uns ein verborgenes Wissen und wir bekommen einen tiefen Einblick in die jahrhundertealte Familiengeschichte. Hat man einmal mit Familienforschung begonnen, wird es schnell zu einer lebenslangen und erfüllenden Beschäftigung, mit der man zwar jederzeit beginnen, aber nicht mehr aufhören kann. Bald hast Du nicht nur Deine Vorfahren, sondern Deine Vorfahren haben Dich! Immer wieder steht man vor der Frage: Was war davor? Wer war davor?

Ich lebe jetzt schon seit 35 Jahren in Ulm und bin ein Ulmer. Ulm ist meine Heimat und in Ulm bin ich zuhause.

 

„Seit Jahren immer in meinem Münztäschchen: der heilige Antonius, mein fingerhutgroßer, treuer Begleiter.“

 

Der Mensch braucht ein Plätzchen,

und wär’s noch so klein,

von dem er kann sagen: sieh her, das ist mein!

Hier leb ich, hier lieb ich, hier ruhe ich aus,

hier ist meine Heimat, hier in Ulm bin ich zu Haus!

Ich helfe Dir, dass wir uns immer wieder finden

Wir zwei sind jetzt schon seit 35 Jahren zusammen. Seit der Nacht im November 1983, dem Tag Deiner Ausreise nach Deutschland. Beim Abschied in Curtici (an der rumänischen Grenze) hat mich Deine Mutter mit der letzten Umarmung, von dem Zöllner unbemerkt, in Deiner Manteltasche verschwinden lassen. Ich war bei ihr, als sie im Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion (im Lager Makejewka im Donbass/Ukraine) verschleppt wurde. Im November 1949 nach vier Jahren, neun Monaten und 28 Tagen schwerster Arbeit, Hunger und Kälte waren wir, Deine Mutter und ich, wieder zuhause im Banat. Doch es war nicht mehr die Heimat, die wir kannten.

Seit November 1983 bin ich immer in Deinem kleinen Münztäschchen. Dein Begleiter. Deine Mutter trug mich seit Januar 1945 immer bei sich. Als sie Dir mich übergab, wusstet ihr nicht, wann, wo und ob ihr euch wiederseht. Im Februar 1986, zwei Tage vor dem Geburtstag Deines Vaters, konntest Du Deine Eltern in Ulm begrüßen. Die erste Frage Deiner Mutter war: „Hast Du den heiligen Antoni noch?“ Du wolltest mich ihr wieder zurückgeben und sie sagte: „Behalte ihn. Ich bin alt und Du hast das Leben noch vor dir. Du kannst ihn besser gebrauchen als ich.“

Ich weiß noch wie nachdenklich Du damals warst. Am Geburtstag Deiner Mutter im Mai, als Du bei Lidl an der Kasse bemerktest, dass Dein Münztäschchen und ich Dir verloren waren. Du suchtest uns. Und als Du nichts gefunden hast und glaubtest, dass uns bestimmt jemand mitgenommen hat, bist Du weggegangen. Ich sah Dich draußen ganz traurig weggehen und Du dachtest Dir: „Der Heilige Antonius hilft einem doch, die verlorenen Sachen wiederzufinden.“ Die Überlieferung sagt schließlich, dass ein junger Mönch das Gebetbuch des heiligen Antonius ohne dessen Erlaubnis mitnahm. Der junge Mönch wurde daraufhin von Erscheinungen heimgesucht und brachte das Buch schnell zurück. In dem Moment, als Du Dir dachtest: „Wenn das stimmt, was man vom heiligen Antonius sagt, dann kann ja der heilige Antonius mich finden, wenn ich ihn schon nicht finde.“

Du schautest noch einmal durch die Fensterscheibe zurück und Du bemerktest dein Münztäschchen und mich vor dem Blumenregal liegen. Dort, wo Du die Blumen holtest, für das Grab Deiner Mutter.

„Mein Ankommen in Ulm“
Giarmata, Rumänien