„Ich träume von Laos.“

Kongpheth und Douangta Pangnanouvong stammen aus Laos. Ihre beiden Kinder sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wir trafen Tochter Mimi und ihre Eltern im Imbiss in Weißenhorn, wo die Familie seit bald 19 Jahren lebt.

Mimi: Dalyvanh Pangnanouvong, 21.01.1994, Kirchheim unter Teck, Modedesignerin
Mutter: Kongpheth Pangnanouvong, 28.08.1970, Sayaboury, Laos, gelernte Krankenschwester, Imbiss-Betreiberin
Vater: Douangta Pangnanouvong, 05.09.1962, Xiengkhouang, Laos, Agraringenieur und Maschinenführer / CNC
Mimis Bruder: Phanpadit Pangnanouvong, 11.12.1991, Kirchheim unter Teck, Texter (nicht Teil des Interviews)

Fangen wir ganz von vorne an: Wann seid ihr nach Deutschland gekommen? Was waren die Beweggründe?
Douangta: Wir waren 1981 als Studenten in Prag. Nach fünf Jahren Studium war ich nochmal für ein Jahr in Laos und dann wieder für eine Weiterbildung in der Tschechoslowakei.
Kongpheth: Ich war ab 1986 auch mit einem Stipendium dort und wir haben uns kennengelernt.
Douangta: In Laos war damals große Korruption. Nur Verwandte und Mitglieder der Partei wurden bevorzugt. Politik, Wirtschaft und die Armee gehörten alle zu Vietnam. Da habe ich für Laos keine Zukunft mehr gesehen. Wir haben damals in der Tschechoslowakei demonstriert, für Laos. Viele Ostblock-Studenten aus verschiedenen Ländern.
Kongpheth: Dadurch war für uns auch die Tschechoslowakei nicht mehr sicher. Denn die Regierung von Laos hat seine Studenten zurückgerufen. Also mussten wir nach Deutschland.
Douangta: Wir haben es in anderen Ländern versucht aber die Möglichkeit auf einen Asylantrag hatten wir dann nur in Deutschland.
Kongpheth: Die anderen Ländern haben uns damals kein Visum gegeben, da wir nur für das Studium in der Tschechoslowakei ein Visum hatten.

Wie seid ihr schließlich in Ulm / Weißenhorn gelandet?
Kongpheth: Wir sind nach Silvester 1990 / 91 nach Kirchheim Teck gekommen.
Douangta: Dorthin wurden wir nach unserem Antrag auf Asyl zugeteilt. 1991 kam unser Sohn zur Welt. Ich habe noch eine Ausbildung zum Schreiner gemacht, da ich meinen Beruf nicht mehr ausüben konnte.
Mimi: Es war für meine Eltern schwierig, die vorher gelernten Berufe anerkennen zu lassen. Und sie mussten etwas arbeiten, um hier bleiben zu können. Also haben sie dann beide etwas anderes gearbeitet.
Kongpheth: Im Jahr 2000 sind wir nach Weißenhorn gezogen, weil mein Mann Arbeit bei Peri bekommen hat und hier haben wir alles. Alle möglichen Schulen, ein Krankenhaus, Weißenhorn ist eine kleine Stadt, die alles hat.
Douangta: … und nicht weit von Ulm entfernt ist! Als wir hier angekommen sind, hat meine Frau auch gearbeitet und die Kinder sind in die Schule gegangen.
Kongpheth: Wir haben beide im Schichtbetrieb gearbeitet.
Douangta: Ich habe dann irgendwann gesagt, “Das geht nicht mehr! Einer muss zuhause sein!” Also hat meine Frau nicht mehr gearbeitet. Alleine konnte ich aber nicht für vier Leute sorgen. Dann haben wir uns gefragt “Was können wir tun?” Und meine Frau kann gut kochen! Wir haben also einen kleinen Imbisswagen gekauft und wenn die Kinder in der Schule waren, hat sie den Imbiss aufgemacht. Das war 2001.

Wegen der Kinder haben wir also einen Imbiss eröffnet. Und wegen dem Imbiss konnten unsere Kinder später studieren. Wenn man keine andere Möglichkeit sieht, hat man doch noch eine. Im Herz, in der Kraft in der eigenen Seele. Wenn man etwas schaffen will.
Kongpheth: Acht Jahre hatten wir den Imbisswagen. Und 2009 sind wir dann mit dem Imbiss umgezogen in das Haus, in dem wir bis heute sind.
Mimi: Durch den Imbiss konnten wir uns auch gut in Weißenhorn integrieren, denn die Leute haben sofort mitbekommen, dass es etwas Neues gibt.

Mimi, du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Wurzeln deiner Eltern beeinflussen deine Arbeit aber sehr. Inwiefern?
Mimi: Ich habe Modedesign in München studiert und stand dann vor der Frage ‚”Was mache ich jetzt?” Ich habe mich in meiner Bachelor-Kollektion damit befasst, wie die Laoten sind und wie die Deutschen. Ich war damals auch selbst auf der Suche danach, was in mir steckt. Die Kollektion hieß “Laoten-Chaoten”. Danach dachte ich mir, dass das ein schönes Thema ist und ich wollte weiter machen. Ich habe mich selbstständig gemacht und habe meine Eltern nach Fotos und Anekdoten gefragt und daraus ziehe ich meine Inspiration. Jedes Jahr gibt es jetzt zwei Kollektionen, in denen ich die Geschichte meiner Eltern erzähle. So ist das gekommen.


Seid ihr in den letzten Jahren noch in Laos gewesen?
Mimi: Ich war bis jetzt drei Mal in Laos. Das letzte Mal 2017.
Douangta: Ich darf bis heute nicht zurück. Ich stehe auf einer schwarzen Liste und würde sofort verhaftet werden. Ich bin bis heute noch aktiv: meine Geschichte ist noch nicht am Ende. Wir gehen nach Bonn, Genf, Berlin, überall hin und demonstrieren und kämpfen für Laos.

Was bedeutet euch eure „Heimat“ heute?
Kongpheth: Ganz klar, wir sind hier zuhause. Die Hilfe und Unterstützung haben wir hier. Alle in Weißenhorn kennen uns und viele essen bei uns. Wir haben viel gekämpft und stehen auf eigenen Beinen. Wir sind zufrieden hier. Aber Heimat ist Heimat. Wir haben noch Verwandtschaft in Laos und denken oft daran. Heimat ist Heimat. Die kann und darf man nicht vergessen.
Douangta: Ich träume von Laos und frage mich Tag und Nacht, wann die Demokratie dort hin kommt.
Kongpheth: Unsere Kinder haben es bestimmt schwierig, weil sie haben zwei Kulturen und versuchen sie beide zu behalten, unsere und die Deutsche. Und unsere Kultur ist eine ganz andere. Aber sie versuchen es beide.

Mimi, hast du dein Interesse zur Heimat deiner Eltern entdeckt?
Mimi: Früher war es sogar so, dass mir das unangenehm war. Ich wollte meinen Freunden zum Beispiel nicht unser traditionelles Essen zeigen, ich wollte viel mehr „deutsch“ sein. Im Studium hat es dann angefangen, dass ich mich mehr damit beschäftigt habe. Auch mit meinen Eltern.

Wie würdest Du Laos beschreiben?
Mimi: Laos ist leider das einzige Binnenland in Südostasien und ist dadurch nicht so interessant für Touristen. Es hat aber wunderschöne Regenwälder, Nationalparks und Wasserfälle. Und der Laote ist sehr freundlich und ruhig. Das kommt auch durch die vielen Besatzungen des Landes.
Douangta: In unserer Vergangenheit, haben wir immer verloren. Und es waren immer fremde Besatzungen da. Wenn die Menschen keinen eigenen Anführer haben, verstecken sie sich lieber. Viele verlassen das Land, weil sie die eigene Heimat schützen wollen, von außen. Die Menschen in Laos sind ruhig, weil sie müssen. Das Land könnte sich schon entwickeln, wenn es unabhängig wäre, aber momentan …

Kongpheth, war es euch wichtig, dass die Kinder Laotisch lernen?
Kongpheth: Ja, ich habe versucht, mit unseren Kindern nur unsere Sprache zu sprechen, kein Deutsch. Sie müssen das verstehen können.
Mimi: Wir können uns gut verständigen und ich verstehe alles, wenn meine Eltern sich unterhalten. Jetzt will ich unbedingt noch Lesen und Schreiben lernen.
Douangta: Aber wir haben auch etwas Angst. Wenn die dritten Generation kommt, werden wir sehen, ob sie unsere Sprache und unser Land überhaupt kennenlernen! [lacht]
Mimi:
Ihr müsst dann einfach weitermachen!
Kongpheth: 
Das kann nicht schaden, wenn man andere Sprachen und Kulturen kennt. Das ist sehr schön. Und es ist für die Kinder auch nicht schwer, sie lernen sehr schnell. 
Wir haben nicht geplant, dass wir in einem Fremden Land leben werden. Wir konnten kein Wort Deutsch, als wir hergekommen sind.
Douangta: Als wir in der Tschechei waren, haben wir Tschechisch gelernt. Aber Deutsch war noch schwieriger.

Mimi, du warst eine Zeit lang in München und du machst Mode. Wieso willst Du hier bleiben und nicht nach Berlin oder München ziehen?
Mimi: In Berlin wäre ich ein kleiner Fisch von vielen. Hier ist meine Basis, mein Freund und meine Eltern. Ich will für sie da sein. Hier bekomme ich am meisten Unterstützung und kann am meisten Kraft schöpfen, wenn ich meine Lieben um mich herum habe. Ich bin hier einfach am besten aufgehoben.
Kongpheth: Mimi wollte am Ende des Studiums nach Berlin gehen aber ich habe gesagt “Das ist zu weit weg!” Ihr Bruder ist ja schon in Hamburg und wir brauchen hier Unterstützung. Also habe ich gesagt “Komm doch wieder nach Weißenhorn und mach dich hier selbstständig.” In Berlin hätte sie es schwierig gehabt.
Douangta: Und unsere Tradition ist es auch, dass in jeder Familie ein Kind bei den Eltern bleibt.

Kongpheth und Douangta Pangnanouvong stammen aus Laos und haben sich während des Studiums in Prag kennengelernt. Kongpheth kommt aus der Region Sayaboury und Douangta aus Xiengkhouang.

 

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