“Ich finde, das ist ein gutes Schicksal.” (Selim Gecgin)

Selim Gecgin, *03.11.1990, in Neu Ulm, Wirtschaftsinformatiker & Filmemacher
Kerim Gecgin, *26.11.1992, in Neu-Ulm, Pilot

Wer kam wann nach Ulm? Und was waren die Gründe?

Selim (rechts im Bild): Das waren unsere Großeltern, damals mit der Arbeitseinwanderung aus der Türkei, Anfang der 70er Jahre. Das war die erste Generation, die Großväter meistens. Erst hat man hier gearbeitet, das Geld nach Hause geschickt und irgendwann beschlossen, die Familie nachzuholen. Mein Großvater war damals 24 Jahre alt. Mein Vater kam dann mit 12 oder 13 Jahren nach. Die Familien unserer Eltern kannten sich schon in der Türkei.

Wie seid ihr in Ulm gelandet?

Kerim: Mein Vater kannte jemanden in Neu-Ulm, der einen Job hatte, deswegen sind wir hier gelandet. Die Hälfte unserer Familie ist mit der Zeit wieder zurück in die Türkei gegangen, die andere Hälfte ist hier geblieben.

Unsere Familie väterlicherseits kommt aus Anatolien, aus Sivas. Je weiter man in den Osten kommt, verläuft sich das in den Bergen. So wie man es sich vorstellt, mit Lehmhütten und Hirten.

Selim: Und unsere Mutter kommt aus Manisa, an der Ägäis. Das sind zwei Welten. Deswegen fand mein Vater meine Mutter auch so attraktiv, weil sie so anders war. Etwas „westlicher.“

Wie ist euer Verhältnis zur Familie in der Türkei?

Selim: Da gibt es schon eine große Distanz.

Kerim: Wenn wir in der Türkei sind, dann nicht um Verwandte zu besuchen. Ich habe zwei Jahre lang dort gelebt und gearbeitet, bin von Antalya aus geflogen.

Selim: Und ich habe ein halbes Jahr in Istanbul studiert. Also es gibt schon eine Verbindung, eine Sehnsucht. Aber die ist mehr seelisch.

Kerim, Du bist mittlerweile Pilot. Hat dadurch „Heimat“ für dich eine neue Bedeutung bekommen?

Kerim: Man merkt auf jeden Fall, wo man hingehört. Je mehr man nicht zuhause ist, merkt man definitiv, dass man ein Zuhause hat. Und das war für mich immer dort, wo die Engsten sind. Meine Eltern und mein Bruder. Und wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das war für mich immer Ulm / Neu-Ulm und wird es auch immer bleiben. Als ich zwei Jahre im Ausland war, war „Zuhause“ immer hier.

Selim, Du bist letztes Jahr mit dem Fahrrad durch Deutschland gefahren, hast einen Film daraus gemacht und warst darin auf der Suche nach den Fragen zu deiner Heimat. Was waren die Beweggründe dafür?

Selim: Das kam durch mein Studium in Istanbul. Wir hatten Zuhause nie einen engen Kontakt zur türkischen Kultur, der waren wir immer etwas fern. In Istanbul habe ich dann das erste Mal diese akademische Welt, die elitäre und belesene Schicht, in der Türkei kennengelernt. Da kam etwas in mir auf und ich habe gemerkt, dass ich doch mehr Türke bin, als ich dachte.

Nach dem Studium wollte ich nicht direkt arbeiten, da musste noch etwas kommen. Also bin ich durch Deutschland gefahren, um Deutschland und mich besser kennenzulernen.

Und bist Du den Antworten ein Stück näher gekommen?

Selim: Dahoam ist dahoam. Für mich habe ich die Antwort so gefunden, dass Familie Heimat ist. Das ist für mich ortsunabhängig. Ein Willkommen bekommst Du von Mitmenschen.

Ihr habt früher zusammen getanzt, seid auf eine Schule gegangen. Wie ist euer Verhältnis heute?

Kerim: Wir haben uns bis jetzt kein eiziges Mal nicht gesehen, wenn ich in der Stadt war.

Selim: Das Verhältnis hat sich nicht geändert. Wir verstehen uns sehr gut! Wenn wir uns aber sehen, dann machen wir das richtig. FIFA muss sein. Kerim sitzt in Barbados oder sonst irgendwo, ruft an und sagt „Ich bin in 16 Stunden da! Lade die Controller auf!“

Kerim: Wir reden auch immer über alles. Wenn wir irgendwas vorhaben, fragen wir uns immer direkt als erstes. Das war schon immer so.

Euer Vater hatte ein italienisches Restaurant in Ulm. Wie kam es dazu?

Selim: Unser Vater ist mit Italienern aufgewachsen und spricht auch gebrochen Italienisch. Irgendwann hat er einfach ein Restaurant eröffnet und war damit auch sehr erfolgreich. Er ist wie ich, jemand, der erst mal etwas macht und dann darüber nachdenkt.


Kerim, Du lebst jetzt hauptsächlich in Düsseldorf. Möchtest Du irgendwann wieder fest nach Ulm kommen? Und Selim, kannst Du dir vorstellen, Ulm zu verlassen?

Selim: Ich weiß es nicht. Ulm bleibt Ulm. Hier werde ich immer irgendwie zuhause sein. Aber ich werde sicher auch für meine Projekte mal längere Zeit gehen.

Kerim: Das ist nicht vorherzusehen. Bei mir persönlich ist es auch schwierig zu sagen, wegen der Arbeit. Aber es ist auf jeden Fall eine Option. Und ich werde hier immer zuhause sein und auch immer wieder herkommen.

Selim: Genau, hier wird geplant und dann geht es raus in die Welt.

Mit Migrationshintergrund steht man oft zwischen zwei Welten, wie seht ihr das?

Selim: Wir haben das Beste aus beiden Welten. Das ist für uns auch Heimat: Zusammen sein, unter den Deutsch-Türken, zusammen feiern und lachen. Mein Opa meinte mal: „Das ist euer Schicksal, damit müsst ihr umgehen!“ aber ich finde, es ist ein gutes Schicksal.

Kerim: Ja, für mich ist es auch eher positiv als negativ. Auch wenn es stellenweise negative Auswirkungen hat …

Selim: Ja, Du hörst immer wieder mal Negatives. Auch wenn man es bewusst irgendwann nicht mehr wahrnimmt, ist es unterbewusst da.

Kerim: Aber da muss man drüber stehen.

 

Die Famile Gecgin väterlicherseits stammt aus Anatolien, in der Nähe von Sivas.
Die Mutter von Selim und Kerim kommt aus Manisa, an der Ägäis.

“Ich finde, das ist ein gutes Schicksal.” (Selim Gecgin)
Mehmet Akif Ersoy Mahallesi, İstiklal Cd. No:26, 58060 Sivas Merkez/Sivas, Türkei
Die Famile Gecgin väterlicherseits stammt aus Anatolien, in der Nähe von Sivas.
Die Mutter von Selim und Kerim kommt aus Manisa, an der Ägäis.