„Ich bin den umgekehrten Weg gegangen…“

„Vor 300 Jahren sind Menschen die Donau hinabgezogen – ich bin den umgekehrten Weg gegangen.“
Edina
* Prijedor (Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina)

Ich bin von Natur aus sehr optimistisch, geduldig und anpassungsfähig, aber meine ersten zehn Jahre Aufenthalt in Ulm waren die schwersten nach dem Krieg. Wir wussten nicht, ob wir in Deutschland bleiben dürfen und fürchteten uns jeden Tag und jede Nacht, dass die Polizei zu uns kommt und wir abgeschoben werden. Wir konnten keine Pläne machen, und obwohl wir gut ausgebildet waren und lange Jahre Berufserfahrung hatten, wurden unsere Diplome hier nicht anerkannt. Sogar unsere Führerscheine mussten mein Mann und ich nach einem Jahr Fahren zur Arbeit abgeben und nochmal in Deutschland unseren Führerschein machen (was gleich zweimal sehr teuer ist).

Ein Glück war, dass mein Mann und ich gleich Arbeit gefunden haben. Auch wenn sie sehr schlecht bezahlt und sehr schwer war, waren wir trotzdem sehr froh und auch ein bisschen stolz, dass wir nicht auf Kosten des Staates gelebt haben. Von Monat zu Monat mussten wir unsere Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis beantragen. Das war für die ganze Familie eine große seelische und psychische Belastung. Auch unsere Kinder wussten nie, ob sie das Schuljahr beenden können.

Erst als wir nach diesen zehn Jahren eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen haben, hat unser Leben in Ulm richtig angefangen. Nach weiteren fünf Jahren durften wir endlich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Mit dieser Sicherheit, dass wir in Deutschland bleiben dürfen, ist unsere ganze Last leichter geworden. Mein Mann und ich konnten einen Jobwechsel wagen. Gelernt habe ich in Bosnien Maschinenbautechnikerin und ich habe dreizehn Jahre in meinem Beruf gearbeitet. Ich war sehr dankbar für meine erste Stelle in Ulm in einer Metzgerei, auch wenn sich diese Zeit für meine Seele wie Gefängniszeit angefühlt hat. Ich habe diese ganze Zeit über immer geträumt von einer Arbeit, die mich glücklich macht, so wie ich glücklich war in meinem gelernten Beruf in Bosnien. Vor neun Jahren habe ich diese Arbeit gefunden. Die schönste Arbeit auf der ganzen Welt. Ich bekomme jeden Tag sooooooooooooo viel Liebe und ich bin jeden Tag nur noch glücklich. Ich arbeite in der Schulkindbetreuung und die Arbeit mit den Kindern erfüllt mich.

Inzwischen ist mein Mann Rentner geworden, haben unsere Söhne nach dem Studium Arbeit gefunden, einer meiner Söhne hat geheiratet und wir sind Großeltern geworden. Wenn wir alle zusammen sind, wissen wir alle von unserer schweren Zeit, aber wir reden nur über die schöne Zeit in Deutschland. Man sagt, die Enkel sind die Sahne des Lebens. Ella hat unser schönes Leben in Deutschland versüßt.

 

„Meine Strandtasche hat mit mir in Ulm eine Heimat gefunden.“

Edinas Strandtasche

Eigentlich war ich ein Geschenk von Edinas Mann an sie. Er hat mich von einer Geschäftsreise in Österreich mit nach Prijedor (damals Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina) gebracht, als Strandtasche für den Urlaub. Dann kam alles anders. Es kam Krieg. Statt in den Urlaub zu fahren, musste Edina mit ihren zwei Söhnen mit mir flüchten. Ihren Mann musste sie zurücklassen, weil nur die Frauen und Kinder die Stadt verlassen durften. Sie nahm mich mit, weil sie mich über die Schulter hängen konnte, sodass sie ihre Hände für ihre beiden Kinder frei hatte.

Ich sehe vielleicht nicht wertvoll aus, aber ich habe Edinas ganzen Reichtum getragen. Ihr ganzes Leben von 33 Jahren in Bosnien passte in mich hinein. Ich habe die Entwurzelung und das Entsetzen in Edinas Seele gespürt. Der Verlust lag über uns allen. Der Verlust der Heimat, in der Edina ihre glückliche Zeit verbracht hat und die Ungewissheit, ob sie je zurückkommen würden.

Wenn serbische Paramilitärs voll bewaffnet in den Bus kamen, nahmen sie unser Geld und unsere Wertsachen an sich. Aber wenn sie mich öffneten, sahen sie nur ein Kinderbuch, eine Kinderdecke und Windeln. Denn Edina war klug. Zwischen zwei Buchseiten steckten 50 Mark und in den Saum der Decke hatte sie auch 50 Mark eingenäht. Auch ihren Geldbeutel habe ich in der Windel getragen. So war ich für das serbische Paramilitär nicht interessant. Mit dem Bus, voll mit weinenden Kindern und Frauen, kamen wir von Prijedor (Bosnien und Herzegowina) nach Novi Sad (Serbien). Bis dahin haben uns Busse transportiert. Mit vielen Beleidigungen und Beschimpfungen wurden wir rausgeschmissen. Von Novi Sad sind wir mit dem Zug über Ungarn nach Österreich gekommen.

Ich habe mich so gefreut, dass ich wieder zurück in meine Heimat gekommen bin, doch Edina und ihre zwei Söhne (damals zwei und acht Jahre alt) haben geweint. Denn die Polizei hat sie aus dem Zug geholt, weil sie kein Visum für Deutschland hatten. Nach einigen Tagen Aufenthalt in meiner Heimat hat mich Edina wieder auf die Schulter genommen und hat mich, ihre beiden Söhne an der Hand, nach Ulm gebracht. Den ganzen Weg über haben Edina und ihre Söhne geweint, weil sie sich Sorgen um ihren Mann und Papa gemacht haben. Wir wohnten schon sechs Monate in Ulm bis er endlich zu uns kam. Seitdem sind wir fünf unzertrennlich. Ulm ist unsere neue Heimat geworden. Edinas Familie hatte es am Anfang sehr, sehr schwer. Beide Eltern haben vom ersten Tag an gearbeitet, obwohl sie noch kein Deutsch konnten. Beide Söhne haben die Möglichkeit genutzt, eine gute Schulausbildung zu machen und haben beide ein Studium abgeschlossen. Edina sagt mir, dass ich ihre treuste Freundin bin, weil ich sie auf ihrer Flucht und durch ganz schwere Zeiten begleitet habe und auch jetzt, in der schöneren Zeit, bei ihr bin. Endlich kann ich als Strandtasche dienen, wenn Edina mit ihrem Mann, den Söhnen, den Schwiegertöchtern und Enkelin Ella Ausflüge an die Ufer der Donau macht.

„Die Donau und die Natur sind ein Teil meines Lebens.“

 

„Ich bin den umgekehrten Weg gegangen…“
Prijedor, Bosnien und Herzegowina