Geschenke und Tango zum Abschied – Teil III

„Migration in Ulm“ – dieses elementare Kapitel der Lokalgeschichte, das den Charakter und das Gesicht der Stadt in sieben Jahrzehnten verändert hat, ist durch die neuesten Forschungen hervorragend belegt. Aber Zahlen und Fakten können kaum vermitteln, wie die Menschen in der Stadt diesen Wandel erlebt haben. Dazu braucht man die Erzählungen derer, die an diesem Prozess beteiligt waren.
Einer von ihnen ist der Journalist, Historiker und Kulturwissenschaftler Wolf-Henning Petershagen. Im folgenden Beitrag, den der Kabarettist Muhsin Omurca illustriert hat, schildert er subjektiv, unsystematisch und politisch unkorrekt, wie die ethnische Eintönigkeit der Stadt Schritt für Schritt einer Vielfalt gewichen ist, die Ulm bunter gemacht hat – und reicher.

 

Der Dank des Italo-Rockers

Mitte der 1970er-Jahre gab es in ihrer Doppelstadt längst eine griechische Gemeinde und mehrere griechische Lokale, deren Inhaber sich allerdings nicht durchweg grün waren.
Als einer der Wirte und einige seiner Landsleute sich in zwei Autos auf den Wag nach Griechenland machten, um in ihren Heimatdörfern Ostern zu feiern, durfte ich mitfahren. Schock in Kufstein: Die Zöllner winkten die beiden Wagen gezielt aus der Schlange zu einer Hebebühne, ließen ausladen, durchstocherten sämtliche Hohlräume systematisch. Im Gepäck des Wirtes und eines mitreisenden Opas fanden sich eine Flasche Whisky und zwei Stangen Marlborogh aus PX-Beständen. Es folgten endlose Verhöre, die am nächsten Morgen fortgesetzt wurden. Die Ware wurde beschlagnahmt; wegen Zollvergehens waren über 100 Mark Geldbuße fällig. Später stellte sich heraus, dass der Wirt des anderen Ulmer Griechen-Lokals dem Zoll den Tipp gegeben hatte – die griechische, da gewaltfreie Form des Konkurrenzkampfes.
Der Zoll hatte allerdings etwas übersehen. Wie der Freund, in dessen Wagen ich mitfuhr, später erzählte, hatte er in seinen Tank ein Kilo besten schwarzen Afghans eingebaut. Es war das Geschenk eines dankbaren italienischen Rockers. Dessen Motorrad hatte bei einer Fahrt über die Alb den Geist aufgegeben. Der Grieche fand ihn in dieser hilflosen Situation und setzte die Maschine wieder in Gang. Dann hatte er die Schnapsidee, seine Belohnung von Ulm nach Griechenland mitzunehmen, um dort damit anzugeben.

Kulinarische Integration

Zu jener Zeit gab es in puncto „Gastarbeiter“-Integration einen sinnlich wahrnehmbaren Meilenstein. 1973 fand das erste City-Fest statt: ein riesiges Stadtfest im Freien, wie man es bis dahin nur aus dem Urlaub in Frankreich oder Italien kannte. Neu war auch, dass hier die Italiener, Spanier, Portugiesen, Jugoslawen, Griechen und Türken ihre Spezialitäten feilbieten durften. Da die Liebe bekanntlich durch den Magen geht, konnte sicher manches Vorurteil zumindest in kulinarischer Hinsicht korrigiert werden.
Und zwar alle Jahre wieder, denn das City-Fest wurde zur festen Institution. Zwei Jahre später fand erstmals der Tag des ausländischen Mitbürgers statt, der von da an ebenfalls Gelegenheit zur gastronomischen und folkloristischen Selbstdarstellung mit Trachten und Tänzen bot. Das City-Fest gab auch die Initialzündung für das Feiern im Freien, das schließlich auf die Ulmer Gastronomie übergriff. Hatte es bis dahin nur die traditionellen Biergärten gegeben, deren Zahl im Schwinden war, setzte nun die Außenbewirtung ein, erst an Festen und allmählich dauerhaft, was Ulm heute ein fast südländisches Flair verleiht.

Türkische Satire

Ein Jahrzehnt später erlebte Ulm einen Höhepunkt der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Türken und Deutschen. Zunächst übte 1984 die Elele-Compagnie (elele = Hand in Hand), eine Laiengruppe aus beiden Nationalitäten, ein Theaterstück ein mit dem blumigen Titel „Rosen und Dornen“, in dem es um ein deutsch-türkisches Liebespaar ging: Die jeweiligen Eltern pflegen ihre jeweiligen Vorurteile und sind gegen die Beziehung. Aber schließlich kriegen sich die beiden samt dem Segen ihrer Erzeuger. Schlicht, aber rührend. Mit viel Engagement aufgeführt, wurde es ein Riesenerfolg bei Türken wie Deutschen.
Im folgenden Jahr konnte sich Ulm der mutmaßlich ersten türkischen Satiriker deutscher Zunge brüsten, dem Knobi-Bonbon-Kabarett. Der Krankenpfleger Sinasi Dikmen agierte so geistreich, brillant und professionell, dass er es sehr schnell in Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“ schaffte. Und sein Mitstreiter Muhsin Omurca machte darüber hinaus vor allem durch seine ausgezeichneten Karikaturen von sich reden. Spätestens jetzt war den Ulmern klar, dass ihre Türken intellektuell auf Augenhöhe angelangt waren.

Volver!

Mittlerweile waren noch weitere Ethnien in Ulm eingetroffen. Nun aber war es nicht mehr der Arbeitsmarkt, der weiteren Zuzug verursacht hatte, sondern die internationale Politik. Das Ende des Vietnamkrieges 1975 zwang zahlreiche Menschen zur Flucht, die zuvor mit den Verlierern, den Amerikanern, kollaboriert hatten oder dessen verdächtigt wurden. Sie entkamen per Schiff, weshalb diese Flüchtlinge, von denen es auch einige nach Ulm verschlug, Boatpeople genannt wurden.
Die Diktaturen in Chile und Argentinien nötigten ebenfalls viele Regimekritiker ins Exil, das für manche Ulm hieß. Dort suchten in den 1980er-Jahren auch Flüchtlinge aus Eritrea und dem Libanon Sicherheit. 1989 folgten die Spätaussiedler aus Ungarn, Rumänien, Polen und der damals noch existierenden Sowjetunion, aber die waren ja per definitionem ebenso Deutsche wie die Übersiedler aus der DDR, die noch im selben Jahr eintrafen. Was kein Mensch für möglich gehalten hätte brach 1991 los: der Krieg in Jugoslawien, der eine neue Welle von Flüchtlingen schuf. Die meisten kehrten später wieder heim, manche wurden Ulmer, einer davon ist mein Schwiegersohn. Der andere Schwiegersohn stammt aus Nicaragua.
Etwa um diese Zeit trafen aus der inzwischen zerfallenen Sowjetunion die sogenannten „Kontingentflüchtlinge“ ein, Juden, von denen viele in Ulm Fuß fassten. Sie bildeten den Grundstock zu der neuen jüdischen Gemeinde, die an die Tradition anknüpfte, die ein halbes Jahrhundert zuvor von den Nationalsozialisten brutal zerstört worden war. Die damals vertriebenen oder ermordeten Juden waren echte Ulmer, den heutigen steht der Weg dazu offen: Die neue Synagoge im historischen Mittelpunkt der Stadt bietet die besten Voraussetzungen dafür.

Die Ulmer Synagoge – eröffnet 2012.

Nicht alle, denen Ulm eine neue Heimat geboten hat, sind geblieben. So haben sich etwa Argentinier, die in Ulm Zuflucht gefunden hatten, unmittelbar nach Ende der dortigen Militärdiktatur 1983 auf den Heimweg gemacht. Kennengelernt hatte ich sie über meine Frau, die Peruanerin ist. Bei einem Abschiedsfest für seine Ulmer Freunde bedankte sich ein älteres Ehepaar mit einem hinreißend getanzten Tango aus dem Jahr 1935 von Carlos Gardel: Volver – zurückkehren.

Ami went home

Zurückgekehrt sind auch die allermeisten Amerikaner, nachdem Deutschland 1991 die volle Souveränität wiedererlangt hatte. Aber ihre Präsenz hat die Ulmer Nachkriegsgeneration mitgeprägt, mitunter auch genetisch, mental aber zumindest diejenigen, die ihren Musik-Bedarf noch im AFN stillen mussten, dem Radiosender der GIs.
Die meisten anderen Fremden, die es in den fünf Jahrzehnten zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende nach Ulm verschlagen hat, sind längst Eltern und Großeltern von neuen Ulmern. Und viele von ihnen lassen sich mittlerweile auch in Ulm begraben – wenn auch manche noch mit Vorbehalt.

Geschenke und Tango zum Abschied – Teil III
Ulm, Deutschland