Familie Siskind: „Wir vergessen unsere Feste nicht, feiern aber auch andere.“

Svetlana Siskind, *24.04.1945 in Kiew, Pianistin und Musiklehrerin
Elena Siskind, *19.03.1969, Automobilberaterin und Dolmetscherin

Karina Siskind, *25.08.1991, Accountmanagerin


Andrada: Wann seid ihr nach Ulm gekommen und was waren die Beweggründe?

Elena: Anfang der 90er Jahre haben wir uns nicht mehr sicher gefühlt in Kiew. Es gab keine Arbeit mehr, kein Geld. Man hatte oft Angst, überfallen zu werden.
Svetlana: Und hinzu kam dann noch die ganze Sache um Tschernobyl. Karina war damals klein. Die Ärzte haben gesagt „Wenn sie die Möglichkeit haben, ziehen sie weg!“
Elena: Wir sind dann als erstes nach Deutschland gekommen. Mein Mann, Karina und ich. Karina war zwei Jahre alt, das war im Jahr 1993. Das ist eine lange Zeit her! Wir haben einen Antrag gestellt, dass wir nach Deutschland immigrieren wollen. Nach drei Monaten haben wir dann die Einladung bekommen. Angekommen sind wir erst mal in Stuttgart, dort haben wir drei Monate in einem Heim gelebt. Danach haben wir uns für Ulm entschieden. Weil es eine Universitätsstadt ist. Zwei Jahre später kam die Oma, also meine Mama, nach.

Was sind die Erinnerungen an den Weg und das Ankommen hier in Ulm?

Elena: Wir sind in Kiew bei Schnee weggefahren und bei Sonne und 20 Grad hier angekommen. Die erste Erinnerungen in Ulm ist, dass mir die Stadt sehr gut gefallen hat. Es kam mir vor, wie in einem Märchen von Hans Christian Anderson. Mit den vielen kleinen Fachwerkhäusern. Und das Münster war natürlich faszinierend. Außerdem fließt die Donau auch durch die Ukraine, das hat mir von Anfang an gefallen.

Sie sind in der Synagoge aktiv. Wie empfinden Sie die jüdische Gemeinde in Ulm?

Svetlana: Die Synagoge in Ulm ist viel mehr als ein Ort des Glaubens. Es werden viele Kurse angeboten für die Gemeinde. Außerdem gibt es einen schönen Saal mit einem Klavier und wir haben ein Ensemble und geben Konzerte. Rabbiner Trebnik gibt sich viel Mühe für die Gemeinde.

Wie wichtig sind euch die jüdischen Bräuche für euren Alltag?

Karina: Das ist uns weniger wichtig. Meine Uroma hat die jüdischen Bräuche noch mehr praktiziert. Wir setzen uns aber an Weihnachten in der Familie zusammen und essen, obwohl es für uns kein Fest ist. Die großen jüdischen Feste halten wir insofern ein, dass wir zu Oma zum Essen gehen. Aber das machen wir zum Beispiel auch am orthodoxen Ostern. Wir vergessen unsere Feste nicht, feiern aber auch andere. Es geht uns dabei aber viel mehr um Familientradition als um Religion.

Wie ist eure die Verbindung heute in die Ukraine?

Svetlana: Ich habe noch ein paar Bekannte dort. Aber viele sind ausgewandert.
Karina: Ich habe eine Oma dort und mein Vater ist zurückgezogen nach Kiew. Dadurch habe ich schon einen Bezug und fahre ein Mal im Jahr zu Besuch.
Elena: Auch ich besuche ein Mal im Jahr Freunde und Bekannte. Aber eine Woche reicht mir und ich freue mich wieder auf Ulm.

Wie ist es, von hier aus die politische und gesellschaftliche Situation in der Ukraine zu verfolgen? Ist das weit weg oder beschäftigt man sich damit?

Karina: Ich finde es schwierig zu urteilen, wenn man so weit weg ist. Ich fühle mich schon mehr als Außenstehende. Die Oma verfolgt es von uns noch am meisten.
Svetlana: Ich lese im Internet, schaue Nachrichten und verfolge, was passiert.
Elena: Ich finde es natürlich schade um das Land, es ist ein so schönes Land. Und es ist schade für die Menschen, was in den letzten Jahren in der Ukraine passiert.

Ist Ulm für euch nach so vielen Jahren Heimat & Zuhause?

Svetlana: Ja, ich fühle mich sehr wohl in Ulm. Es ist gemütlich, nicht zu groß und es gibt die Donau. Alles ist hier.
Elena: Egal wo ich hinfahre, wenn ich wieder nach Ulm komme, denke ich „Gottseidank“! Meine Mentalität ist natürlich manchmal noch eine andere, aber Ulm ist Heimat geworden.
Karina: Ich bin hier sowieso zuhause. Meine allererster Erinnerungen sind hier.

Was kocht ihr zuhause? Schwäbisch und Ukrainisch?

Svetlana: Bei uns gibt es georgische Küche und ukrainische. Und auch deutsche! Wir kochen alles.
Karina: Ich finde, die ukrainische Küche ist gar nicht so unterschiedlich zur Schwäbischen. Sie ist teigig & deftig. Nur werden andere Gewürze verwendet. Und georgisch kochen wir deshalb so oft, weil es in der Ukraine viele georgische Restaurants gibt. So wie man in Deutschland viele italienische Restaurants findet.

Was esst ihr am liebsten?

Elena: Ich esse alles gerne. Georgisch, griechisch, schwäbisch.
Karina: Ich liebe Matjesfilet mit Kartoffeln, das ist typisch ukrainisch.
Alle: Und Sülze muss sein!

 

Kiew ist die gemeinsame Geburtsstadt von Svetlana, Elena und Karina Siskind.

Familie Siskind: „Wir vergessen unsere Feste nicht, feiern aber auch andere.“
Kiew, Ukraine
Kiew ist die gemeinsame Geburtsstadt von Svetlana, Elena und Karina Siskind.