„Es dauert noch…“

Leni
*Bad-Mergentheim, Deutschland

Mein Ankommen in Ulm war ein Prozess, besser gesagt: ist es noch. Mein Mann lebte weiterhin in Freiburg, als ich hier eine Stelle antrat. Und Freiburg war meine Heimat. Dort waren meine Freunde, meine Lieblingsecken, mein Lieblingsbäcker, mein Mann, meine Hobbys. In Ulm habe ich „nur“ gearbeitet. Weil ich etwas chaotisch veranlagt bin, war das, was ich in Ulm gerade brauchte, immer in Freiburg. Was ich in Freiburg brauchte, war natürlich in Ulm. Oder blieb dazwischen im ICE auf der Strecke. Meine Stelle in Ulm war mir von Anfang an sehr wichtig und nahm viel Platz in meinem Leben ein. Im Beruf kann ich mich mit Themen befassen, die mich wirklich interessieren. Das hat den Abschied von Freiburg und den Freunden etwas versüßt. Richtig ankommen in Ulm konnte ich erst, als mein Mann auch hierherkam. Weil wir gerne draußen sind, waren die Donau-Ufer und der Glacis-Park vor unserer Haustür Pluspunkte beim Einleben. Aber es hat gedauert, bis wir hier Anschluss gefunden haben. Und es dauert noch…

„Grenzspaziergänge auf der Herdbrücke… Wie viele Menschen in unserer Doppelstadt, lebe ich in Bayern und spaziere zum Arbeiten nach Baden-Württemberg. Ich finde die Grenze auf der verbindenden Brücke über die Donau irgendwie schön – sie ist so leicht zu überwinden.“

Löffellehren

Wirklich praktisch bin ich nicht. Dafür glänze ich mit meinem Lack und steche durch meine volkstümlich-ukrainische Bemalung hervor. Ein altes ukrainisches Mütterchen hat mich bemalt und so fein herausgeputzt. Wie ich in die Besteckschublade in Neu-Ulm kam? Das ist eine echt lange Geschichte.

Ein Großvater hat mich auf dem Markt in Mathildendorf (heute Zhovtneve, Ukraine) entdeckt. Er war hier als Tourist. Als Heimweh-Tourist, genauer gesagt. Er ist nämlich in Mathildendorf geboren und aufgewachsen, musste seine Heimat aber als Kind verlassen. Ganz aufgeregt war er, weil er sein Elternhaus nach über sechzig Jahren wieder gesehen hat. All die Erinnerungen, ach, er hat so viel zu erzählen. Er guckt mich an und denkt: „Dich bringe ich meinem Enkelchen mit. Sie muss unbedingt einmal mit mir hierherkommen, damit sie versteht, wo ich herkomme, wie ich der wurde, der ihr heute von gestern erzählt. Sie studiert schließlich Geschichte, das muss sie doch interessieren?!“ Da hat sich der Großvater also für mich entschieden (eine gute Wahl), hat dem Mütterchen viel mehr bezahlt, als ich wert bin, hat mich in seinen Koffer gepackt – ganz vorsichtig, in Handtücher und Wäsche eingewickelt, damit mir nichts passiert. Zurück in seiner Zufallsheimat Hohenlohe überreichte er mich stolz als Souvenir aus seiner alten, ersten, einzigen (?) Heimat.

„Nächstes Jahr machst Du die Reise in die Ukraine mit, ja? Dass du siehst, wo ich geboren bin. Die Weite, der Himmel dort, das kann man nicht beschreiben!“ – „Ach, Opa, mal sehen. Ich hab doch so viel um die Ohren. Nächstes Semester will ich ganz viele Prüfungen ablegen und ein Auslandssemester in Kroatien machen und eine Freundin in London besuchen und, und, und.“ Ich merke, meine neue Besitzerin hat zwar ein schlechtes Gewissen, aber sie ist noch jung und denkt, dass alles ewig Zeit hat.

In Freiburg war ich richtig gefragt – als Löffel in der Zuckerdose. Aber als mein schicker Lack anfing zu platzen, bekam ich einen Ehrenplatz in der Schublade. Und ich durfte mit nach Neu-Ulm ziehen. Hier habe ich jetzt eine viel größere Schublade – nicht so ein billiges Studenten-Schubladen-Verlies. Immer, wenn sie die Schublade aufmacht und mich ansieht, huscht ihr ein Lächeln über das Gesicht und sie denkt: „Bald fahre ich in deine Heimat und bringe dir einen Löffel-Freund mit.“

Während sie mit einem kleinen Schäufelchen hohenloher Erde in das Grab des Großvaters rieseln lässt, sagt sie bei sich: „Opa, wenn ich in die Ukraine fahre, bringe ich dir ein Glas Heimaterde mit.“

„Es dauert noch…“
Bad Mergentheim, Deutschland