Schritte durch ein buntes Ulm – Teil II

„Migration in Ulm“ – dieses elementare Kapitel der Lokalgeschichte, das den Charakter und das Gesicht der Stadt in sieben Jahrzehnten verändert hat, ist durch die neuesten Forschungen hervorragend belegt. Aber Zahlen und Fakten können kaum vermitteln, wie die Menschen in der Stadt diesen Wandel erlebt haben. Dazu braucht man die Erzählungen derer, die an diesem Prozess beteiligt waren.
Einer von ihnen ist der Journalist, Historiker und Kulturwissenschaftler Wolf-Henning Petershagen. Im folgenden Beitrag, den der Kabarettist Muhsin Omurca illustriert hat, schildert er subjektiv, unsystematisch und politisch unkorrekt, wie die ethnische Eintönigkeit der Stadt Schritt für Schritt einer Vielfalt gewichen ist, die Ulm bunter gemacht hat – und reicher.

Ulms neue Würze

Die Zeitung berichtete im März 1963 über ein Lokal in der Pfauengasse, dessen Wirt an der Tür ein Schild mit der Aufschrift Per italiani no entrata! installiert hatte: Für Italiener kein Zutritt! Dies sorgte in ganz Ulm für Empörung.

 

Ein anderes Lokal sorgte später für Schlagzeilen. Im Hof der 1964 eröffneten „China-Stuben“ wurden leere Schappi-Büchsen gefunden. Wie auch immer: In Ulm gab es jetzt außer Linsen und Spätzle oder Pizza auch Peking-Ente und womöglich auch Chow-Chow, wie manche aus den Schappi-Dosen schlossen.
Ansonsten blieben Asiaten in Ulm lange eine Seltenheit. Wenn welche eintrafen, dann waren sie etwas Besonderes wie jene junge Dame aus Thailand, die bei den Damen der Ulmer Gesellschaft die Runde machte und ihnen beibrachte, dass man Reis und Rindfleisch auch als Eintopf zubereiten und mit Worcester-Sauce würzen konnte.

Los Incas im Piepmatz

Auch die legendäre Hochschule für Gestaltung (HfG) trug dazu bei, die Anzahl der Nationalitäten in Ulm zu erhöhen. Bei uns hatten nacheinander eine Dänin, ein Österreicher und ein holländischer Kettenraucher ein Zimmer gemietet und schließlich eine Amerikanerin, die durch kostspieliges Dauerduschen unangenehm auffiel. In jedem Falle wurde das Flair internationaler, etwa bei den Demonstrationen, die Mitte der 1960er-Jahre einsetzten. Die Ulmer APO (außerparlamentarische Opposition), die von den HfGlern unterstützt wurde, demonstrierte beispielsweise zusammen mit in Ulm lebenden Hellenen gegen die griechische Militärjunta, wobei die Schüler des altsprachlichen Zuges am Humboldt-Gymnasium sich nützlich machten, indem sie griechische Parolen auf die Transparente pinselten.

Demonstrationen in Ulm 1968


Bei anderen Demonstrationen prangte auf den mitgeführten Pappschildern plötzlich das bärtige Gesicht eines Mannes mit Barett. Der Name „Che Guevara“ sagte damals nur wenigen etwas, aber er sah klasse aus und legte mit den Keim zu einer Lateinamerika-Romantik, die im „Piepmatz“, offiziell „Café plus Galerie“, in der Giedeon-Bacher-Straße ihren akustischen Ausdruck fand. Dort flöteten Tag und Nacht „Los Incas“ ihre Anden-Folklore von der Twen-LP, etwas bis dahin absolut Unerhörtes. Ein hagerer Typ, dessen Name „Roberto“ ihn als Experten auswies, erklärte, diese Musik stamme aus dem peruanisch-bolivianischen Hochland!
„So, war ma wieder im Café International?“, fragte die kräftig gebaute Bedienung in den Drei Kannen ihre jungen langhaarigen Gäste. Sie war so räs, wie es sich für eine Drei-Kannen-Bedienung gehörte, kam auf ihrem Heimweg regelmäßig am Piepmatz vorbei und warf dann einen prüfenden Blick durchs Schaufenster. Ihre Bemerkung war insofern bemerkenswert, als ihr eigener Haushalt einen mit Abstand höheren Ausländer-Anteil aufwies als das Piepmatz in seinen besten Zeiten: Ihr schmächtiger Freund Ignazio war Portugiese.

HfG-Studierende in den 60er Jahren.

„She could be my mother“

Die Amerikaner waren immer noch da. Es war die Zeit des Vietnam-Kriegs, der Studentenbewegung, der Linken, der Hippies – ein prächtiges Durcheinander, das zwar einerseits gebot, den US-Imperialismus zu hassen, andererseits aber empfahl, den Kontakt zu den amerikanischen Soldaten zu suchen. Denn es war bekannt, dass die GIs bestens mit Haschisch versorgt waren, das sie mittlerweile der Droge Alkohol vorzogen. Das hatte den erfreulichen Nebeneffekt, dass die jungen Männer, die zwei Jahre lang Wehrdienst schieben mussten in der Gewissheit, dass ihre Liebsten zu Hause sich in dieser Zeit anderweitig orientieren würden, merklich an Aggressivität einbüßten. So kam es zu manch deutsch-amerikanischen Symbiose: Die Amis brachten den Stoff und konnten ihn ungestört bei ihren deutschen Freunden genießen.
In diesen Fällen spielte die ansonsten allgegenwärtige Politik eine untergeordnete Rolle, zumal von den GIs keiner scharf darauf war, nach Vietnam geschickt zu werden. Es gab sogar echte Oppositionelle unter ihnen, etwa Bruce, jenen Jura-Studenten, der Rechtsanwalt für Kriegsdienstverweigerer werden wollte. Deswegen hatte er sich einen Job ausgesucht, wo’s besonders herb herging: bei der Militärpolizei. Die musste unter anderem auf den Volksfesten präsent sein, um Bierzelt-Prügeleien auseinanderzuhauen. Wenn unser Freund Dienst hatte, merkte man das daran, dass kein MP zu sehen war. Bruce ruhte lieber am Donauufer und genoss seinen Joint.
Eines Tages war er sehr aufgebracht. Am Nachmittag zuvor hatte die Biberacher APO vor der Kaserne demonstriert, an deren Tor er Dienst hatte. Da die Biberacher den Ulmern Linken ihre Schlagkraft beweisen wollten, griffen sie die MP an, wobei Bruce‘s Brille zu Bruch ging – ihm, dem Sympathisanten der Linken! Wir entschuldigten das mit der Ignoranz der Biberacher Provinz-APO, die eben unfähig sei, zwischen Freund und Feind in Uniform zu unterscheiden.
Bruce war der einzige Intellektuelle unter unseren GI-Freunden und hatte insofern auch weniger Schwierigkeiten, bei den Mädels zu landen. Den anderen blieb kaum etwas anderes übrig als ein Besuch in der Schülin-Straße, im Hause Buskawoda. „She could be my mother“, sinnierte Louis, der kleine italienischstämmige Pizza-Bäcker aus Chicago nach einer solchen Aktion.

Kalmücken-Gräber

Einer meiner Kollegen beim zivilen Ersatzdienst spielte in einer Band, die auch im Officers Club in Neu-Ulm auftreten durfte. Von dort gab es Dinge zu berichten, die nicht jugendfrei waren. Im Übrigen stand der Ersatzdienst, der später Zivildienst hieß, in puncto Internationalismus eher im Zeichen des damaligen Jugoslawien. Das war die Heimat zahlreicher weiblicher Pflegekräfte, und so kam es, dass in den sozialen Einrichtungen, die junge Jugoslawinnen und Ersatzdienstleister beschäftigten, manche bilaterale Liaison zustande kam.
Ob liiert oder nicht: Gemeinsam pflegte man etwa im Altenheim Dornstadt die alten Ukrainer, Russen, Balten, die der Krieg in Ulm und Neu-Ulm hinterlassen hatte. Selbst Kalmücken verbrachten hier ihre letzten Tage: untersetze Mongolen, die zum Sonnenuntergang vor die Pforte zogen und auf den Knien ihre Gebete gen Mekka sandten. Sie bekamen ihre eigenen hölzernen Grabmäler auf dem kleinen heimeigenen Friedhof.

Neugierig, wie es weiter geht? Freut euch auf nächste Woche – da kommt der letzte Beitrag online.

 

 

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Ulm, Deutschland