Ein Spaziergang in die graue Vorzeit – ein Text von Henning Petershagen

„Migration in Ulm“ – dieses elementare Kapitel der Lokalgeschichte, das den Charakter und das Gesicht der Stadt in sieben Jahrzehnten verändert hat, ist durch die neuesten Forschungen hervorragend belegt. Aber Zahlen und Fakten können kaum vermitteln, wie die Menschen in der Stadt diesen Wandel erlebt haben. Dazu braucht man die Erzählungen derer, die an diesem Prozess beteiligt waren.
Einer von ihnen ist der Journalist, Historiker und Kulturwissenschaftler Wolf-Henning Petershagen. Im folgenden Beitrag, den der Kabarettist Muhsin Omurca illustriert hat, schildert er subjektiv, unsystematisch und politisch unkorrekt, wie die ethnische Eintönigkeit der Stadt Schritt für Schritt einer Vielfalt gewichen ist, die Ulm bunter gemacht hat – und reicher.

Wie Ulm bunter wurde

„Inder!“, sagte mein Vater, als im Innsbrucker Hauptbahnhof ein merkwürdig gekleidetes Ehepaar mit dunklem Teint vorüberschritt, er mit Turban, sie in farbenfrohe Tücher gehüllt, mit einem roten Punkt auf der Stirn. „Ein Chinese!“, erfuhr ich kurz danach auf dem Weg zu Frau Knapp, unserer Pensionswirtin, angesichts eines Asiaten, dessen Physiognomie ihn deutlich von seiner Umgebung unterschied. Schließlich identifizierte der Vater noch ein optisch weniger auffälliges Paar als Griechen. Griechen! Die gab’s also immer noch.

Mit meinen tiefbewegenden neuen Eindrücken konfrontiert, sagte Frau Knapp stolz: „Jo, Innschbruckch ischt schon a Weltschtodt.“ Als Ulmer konnte man da nur staunen, zu Beginn der 1950er-Jahre.
Nicht, dass es damals in Ulm nur Ulmer gegeben hätte. Die Stadt quoll über von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen. Aber das waren Deutsche, auch wenn sie komisch sprachen und „nee“ statt „noi“ sagten. Ausnahmen waren die „DPs“ (Displaced Persons), zum großen Teil Ukrainer, die als Verbündete Hitlers ihre Rückkehr in die Sowjetunion nicht überlebt hätten. Aber die fielen in der Stadt nicht weiter auf. Kurzum: Exoten, die Ulm ein globales Flair hätten verleihen können, suchte man in dem grauen, von Ruinen geprägten Straßenbild vergebens. Und wenn, dann steckten sie in amerikanischen Uniformen.

Tschuinggam und Märiänn

Die Amis gehörten längst zum Alltag. Auf den Ladeflächen ihrer Lastwagen, die über das Kopfsteinpflaster rumpelten, saßen die GIs, nicht wenige davon schwarz. „Guck, Neger!“, tuschelte Inge, die Kindsmagd. Sie waren halt doch noch etwas Besonderes, selbst wenn man sie täglich vom Fenster aus sah. Sie wirkten fremd, aber freundlich. Es machte ihnen Spaß, den Kindern und Dienstmädchen am Straßenrand kleine silbrige Päckchen zuzuwerfen, wenn die entgegen dem elterlichen Verbot „Tschuinggam“ riefen. In das Silberpapier war Schokolade oder Kaugummi gewickelt. Glücklich das Mädle, das von einem Ami geheiratet und mit in die Staaten genommen wurde, etwa Marianne, Inges Schwester, über die sie stolz berichtete. „Dui hoißt jetzt Märiänn!“

Nicht alle deutsch-amerikanischen Zweierbeziehungen waren auf Dauer angelegt, aber viele davon zumindest profitabel. Jedes Amihürle hat sei Armbandührle lautet die neue Strophe eines alten Lumpenliedles, die lustig klang, auch wenn ihr tieferer Sinn sich dem Kinderschüler nicht ganz erschloss.
Die wehrpflichtigen GIs lebten beiderseits der Donau in geschlossenen Kasernen. Daneben entstanden offene Siedlungen für die Familien der US-Berufssoldaten. Vor allem die Gattinnen der höheren Ränge trafen sich im deutsch-amerikanischen Frauenclub mit Damen der Ulmer Gesellschaft zum Austausch von Frauen- und Erziehungsfragen. So brachte manche Mutter tief beeindruckt Bewegungsspiele mit nach Hause, zu denen etwa zu singen war: You put your left hand in, you put your left hand out … usw., und das Ganze dann noch mit right hand, left foot und right foot.
Auch zwischen dem gemeinen Ulmer und dem gemeinen GI entstanden Kontakte, sofern die nötigen Sprachkenntnisse vorhanden waren. Dabei spielt der „PX“ eine nicht zu unterschätzende Rolle. In diesem Kaufhaus, das ausschließlich Armee-Angehörigen offenstand, gab es alle erdenklichen Konsumgüter, vor allem Zigaretten, steuerfrei um einen – für deutsche Verhältnisse – Spottpreis.

Die singet beim Schaffa!

Es blieb nicht bei den Amis. Zur Buntheit, die sich in der Doppelstadt in den Jahrzehnten nach Kriegsende gemächlich ausbreitete, trugen die Arbeiter entscheidend bei, die sich im Ausland hatten anwerben lassen, um das deutsche Wirtschaftswunder am Kochen zu halten. Erste Anzeichen des Zuzugs waren in der zweiten Hälfte der Fünfziger-Jahre zu spüren. Der kräftige Bursche mit den dichten schwarzen Haaren und den schwarzen Augen, der uns Drittklässlern eines Tages als „Neuer“ vorgestellt wurde und einen Namen hatte, den sich keiner merken konnte, sah sich in der Pause von Neugierigen umringt. Ihre Frage, ob er katholisch oder evangelisch sei, beantwortete er mit verständnislosem Blick und Schulterzucken. Damit war alles geschwätzt.
Vermutlich war er Mohammedaner, da sich mir von seinem Namen immerhin die zwei Silben „oğlu“ eingeprägt hatten, was „Sohn“ bedeutet und an vielen türkischen Familiennamen hängt. Aber bevor Sowieso-oğlus Landsleute in größerer Zahl ankamen, waren die Italiener dran. Von denen hatte man auch als Kind schon eine gewisse Vorstellung – eine sehr positive –, weil es in Ulm und Neu-Ulm seit Menschengedenken die italienische Eisdiele Dall‘ Asta gab und in Ulm seit Ende der 1950er-Jahre bereits zwei Pizzerien. Außerdem waren schon die ersten Ulmer Familien, so sie ein Auto besaßen, in den Ferien ans Mittelmeer gefahren. Und dass Italien schön sein muss, wusste man aus dem Lied von den Capri-Fischern.

1960 berichtete mein Schulfreund aufgeregt, dass auf der Baustelle neben seinem Haus echte Italiener arbeiten. „Die singet beim Schaffa!“ So mochte man sie. Freilich munkelte man auch über „Messerstecher“ – die andere Seite des Klischees. Und dann kursierte ein Gedicht, das wir alle lustig fanden, auch wenn der Sinn der Worte dunkel blieb: Tricko tracko pudelnacko auf Matratze in Baracko.

 

Ein Spaziergang in die graue Vorzeit – ein Text von Henning Petershagen
Ulm, Deutschland