Die Poetin, die Deutschland liebte

Vera
* Tscherkassy, Ukraine

 

Da in den 1990-er Jahren das Leben in Russland wegen des wachsenden Nationalismus und der Kriminalität für uns und unsere Kinder gefährlich geworden war, hatten wir vor, aus Russland auszuwandern. Wir konnten ein Einwanderungsland wählen und haben die Entscheidung getroffen, nach Deutschland zu gehen.

Wir waren realistisch eingestellt und wussten, dass wir in unserem Alter keine höheren beruflichen Chancen hatten. Aber für die Kinder waren die Chancen gut. In Ulm begann ich gleich mit dem Sprachaustausch Russisch-Deutsch, um schneller meine Deutschkenntnisse zu verbessern.

Ich war eine aktive Jobsuchende und fand bald eine Arbeitsstelle an der Uni, wo ich bis zum Rentenalter arbeitete. Da ich von Natur aus eher ordentlich und anpassungsfähig bin, war es für mich nicht schwierig, meine Pflichten zu erfüllen. Als ich Rentnerin wurde, suchte ich für mich eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ich fand sie in dem Verein Kulturloge. Diese Tätigkeit übe ich gerne aus.

 

Seit du angekommen bist, begleite ich dich wieder

Bevor du deine Wohnung in St. Petersburg verlassen hast und nach Deutschland geflogen bist, hast du sieben Nächte nicht geschlafen und mich angeschaut. Nicht nur mich, auch die anderen Bücher neben mir.

Und dann kamst du nach Deutschland, machtest einen Deutschkurs und vergaßt mich. Du hast gearbeitet und am Abend hast du deutsche Bücher und Zeitungen gelesen. Hast du gedacht, dass Russischlesen dich am Deutschsprechen hindern könnte? Wahrscheinlich. Aber nach fünf Jahren in Deutschland begannst du wieder meine Gedichte zu lesen. Und seitdem begleite ich dein Leben in Deutschland.

Du wusstest früher gar nicht, dass mich eine Poetin geschrieben hat, die Deutschland über alles liebte. Ihre Mutter war Deutsche, sie fuhr oft mit ihren zwei Töchtern aus Moskau nach Deutschland und lebte viele Monate über im Schwarzwald bei Freiburg. Das war vor über hundert Jahren. Du hast doch vor, nach Freiburg zu fahren, um das Haus, in dem Marina Cvetaeva gelebt hat, zu besuchen. Sie hat geschrieben: „Der Schwarzwald ist meine Seele.“ Warum bist du noch nicht dazu gekommen? Wenn du hingehst, nimm mich bitte mit und lies mich dort. Vielleicht kannst du dann spüren, was Marina als Mädchen gespürt hat.

Die Poetin, die Deutschland liebte
Tscherkassy, Ukraine