Ausländische Arbeitskräfte in Ulm

Das „Wirtschaftswunder“ bescherte der Bundesrepublik nahezu Vollbeschäftigung, was bei Arbeitgebern Befürchtungen wachsen ließ, ihre freien Arbeitsplätze nicht mehr besetzen zu können bzw. die Löhne zu erhöhen. So kam es, dass deutsche Landwirte vermehrt auf ausländische Arbeitskräfte setzten, die sogenannten „Gastarbeiter“. Auf der Suche nach Arbeit nutzen sie die Anwerbeabkommen ab Mitte der 1950er Jahre, um offene Stellen anzunehmen.

Die Ankunft der ersten ausländischen Arbeiter in Ulm war schon im Juni 1955, als 13 italienische Arbeiter auf dem Hauptbahnhof ankamen und auf landwirtschaftliche Betriebe verteilt wurden. Das Medienecho fiel zu dieser Zeit noch sehr mäßig aus. Es wurde meist nur am Rande darüber berichtet, was nicht verwundert, denn bis Ende der 1950er Jahre war ihre Anzahl nur knapp über 300.

 

Der italienische Konsul begrüßt die ersten Landarbeiter, die mit dem Zug aus Udine am 5. Juli 1955 auf dem Ulmer Hauptbahnhof eintrafen. (Quelle: StadtAU).

 

Erst ab 1960 stieg die Zahl der Personen in Ulm aus den Anwerbeländern signifikant an. Die Bundesregierung schloss nach dem Abkommen mit Italien (1955) weitere mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Portugal (1964) und Jugoslawien (1968). Dies führte in Ulm zu einem Anstieg der Wohnbevölkerung aus diesen Ländern und 1965 lebten über 4 300 Menschen aus den Anwerbeländern in Ulm. Eine Rezession im Jahr 1966 ließ die Anzahl kurzfristig sinken, allerdings stieg sie danach stärker an und so lebten zum Zeitpunkt des Anwerbestopps (1973) über 11 000 Menschen aus den Anwerbeländern in Ulm. Danach pendelte sich die Zahl mehr oder weniger bei ca. 12 000 ein.

Politische Stellen, vor allem auf Bundesebene, wollten diese Entwicklung allerdings nicht wahrhaben und wiederholten die Formel vom „Nicht-Einwanderungsland Deutschland“. Hierbei zeigt sich aber, dass die Städte näher am Geschehen waren und die Lage realistischer und weitsichtiger einschätzten. Denn allgemein akzeptierten sie die Einwanderungssituation früher. So wies Oberbürgermeister Pfizer schon 1970 auf die Bedeutsamkeit der ausländischen Arbeitnehmer für die deutsche Wirtschaft hin und sprach auch dezidiert von einer „Integration der Gastarbeiter in die ansässige Bevölkerung“, wobei noch „Wesentliches geschehen müsse“.

Ulm hat vergleichsweise früh Maßnahmen im Bereich der gesellschaftlichen und politischen Mitbestimmung getroffen: Im Jahr 1970 setzte der Gemeinderat einen „beratenden Ausschuss in Gastarbeiterfragen“ ein – noch vor München und Mannheim. In Folge des Kühn-Memorandums schuf die Stadt 1980 die Stelle eines Ausländerbeauftragten. In den 1990er Jahren begann sich die Integrationsarbeit vermehrt auch ausländischen Frauen zu öffnen, wobei hier für Ulm das Projekt „Sibille“ für türkische Mädchen oder der Frauenladen „sie‘ste“, der sich als Treffpunkt für interkulturelle Verständigung versteht, genannt werden kann.

Am 27. Januar 2012 hat der Ulmer Gemeinderat in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Internationalen Ausschuss das Konzept „Ulm: Internationale Stadt“ einstimmig beschlossen. Zur Umsetzung der darin aufgeführten Handlungsempfehlungen und zur Weiterentwicklung des Konzepts hat die Stadt 2013 die „Koordinierungsstelle Internationale Stadt“ geschaffen, die unter anderem Akteure vernetzt und eine gleichberechtigte Partizipation im politischen wie gesellschaftlichen Bereich von Zugewanderten und Bürgern mit internationalen Wurzeln vorantreiben soll.

 

 

Bildliche Internationalität: Über einem türkischen Lebensmittelgeschäft in der Wagnerstraße hängt die Deutschlandfahne. (Quelle: StadtAU).