Geflüchtete in Ulm

„Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, so verfasste der Parlamentarische Rat im Jahr 1949 den Artikel 16 des Grundgesetzes.

In den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik kamen nur wenige Menschen mit dem Ziel des Asyls nach Deutschland. Eine der ersten größeren Gruppen in Ulm bildeten die Südvietnamesen, die vor dem Vietnamkrieg geflohen waren. Bis 1980 stieg die Zahl der Südvietnamesen in Ulm auf über hundert Personen an und blieb bis heute so ungefähr gleich.

 

Nach Flucht und nach der Rettung durch einen deutschen Frachter haben sie endlich sicheren Boden unter den Füßen: eine siebenköpfige vietnamesische Familie im Übergangswohnheim in Ulm. (Quelle: SWP 8.12.1978, Maria Müssig).

 

Eine weitere starke Community in Ulm bildeten die Eritreer, die vor der Militärdiktatur in Äthiopien und dem 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg, der von 1961 bis 1991 wütete, flohen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verstärkte sich die globale Ost-West-Wanderung. Die Jugoslawienkriege lösten eine große Fluchtbewegung aus. Die Ulmer Statistiken weisen ab 1992 einen massiven Anstieg der jugoslawischen Wohnbevölkerung nach, der 1993 mit über 6 000 Personen einen Spitzenwert erreichte. Allerdings war der Aufenthalt in Ulm schwierig, denn nur ein geringer Teil wurde in Heimen untergebracht, der Rest musste bei Verwandten unterkommen – von denen viele über die Anwerbeabkommen nach Ulm gekommen waren. Aber es gab auch Initiativen und Aktivitäten, die sich dieser Kriegsflüchtlinge annahmen: Die Stadt Ulm und örtliche Vereine spendeten innerhalb von nur 2 Monaten im Jahr 1992 über 50 Tonnen an Hilfsgütern. Ebenso gab es Gesprächsrunden mit den Geflüchteten und bei den „Tagen der Begegnung“ wurde ein „bosnischer Abend“ mit einer Ausstellung veranstaltet.

 

Geflüchtete aus Eritrea kamen 1984 an der Gemeinschaftsunterkunft in der Römerstraße an. (Quelle: SWP 14.12.1984, Maria Müssig)

 

Bosnische Flüchtlinge kamen mit dem Bus in der Nelson-Kaserne im August 1982 an. (Quelle: StadtAU).

 

Die jüngste Flüchtlingsbewegung begann um das Jahr 2015.  Der Migrationsbericht der Bundesregierung 2015 beginnt mit den Sätzen: „Die Zuwanderungssituation nach Deutschland war im Jahr 2015 durch einen erheblichen Anstieg von Schutzsuchenden geprägt.“ Der Großteil kam aus Syrien, gefolgt von Afghanistan und Irak.

Auch in Ulm kamen Asylsuchende an: Im Mai 2014 wohnten in Ulm 248 Asylbewerberinnen und -bewerbern, was die Kapazitäten der einzigen Gemeinschaftsunterkunft (GU) in der Römerstraße überstieg und es wurde auf Wohnungen zurückgegriffen, die über das Stadtgebiet verteilt waren. Ein Jahr später erhöhte sich die Zahl auf 482 und im Juni 2016 lebten 1 611 Geflüchtete in Ulm.

 

Die Gemeinschaftunterkunft Mähringer Weg auf dem Eselsberg wurde 2015 für Flüchtlinge geöffnet. (Quelle: Lucia Lemmer, Stadt Ulm, Abteilung Soziales).

 

Die Stadt stand der Situation weitgehend unvorbereitet gegenüber und verabschiedete nach einer Improvisationsphase die Projektstruktur „Koordination Flüchtlingsarbeit“, wobei mehrere Handlungsfelder (Wohnraumgewinnung, Sprache, Arbeit, Gesundheit usw.) abgedeckt werden sollten. Die Stadt baute bzw. renovierte Gebäude zur Unterbringung. So nutzte die Stadt zum Beispiel auch Wohnblöcke auf dem Areal der ehemaligen Hindenburgkaserne und sie entschloss sich Flüchtlinge dezentral über die Stadtteile zu verteilen.

 

Kinder von Flüchtlingen erhielten 1991 in der Unterkunft Römerstraße als Weihnachtsüberraschung Spielsachen geschenkt, die von Lesern der SWP gespendet worden waren. (Quelle: StadtAU).

 

Allgemein – so städtische Vertreterinnen und Vertreter – herrsche in der Stadt eine „enorme Bereitschaft, sich bürgerschaftlich für und mit Flüchtlingen zu engagieren.“ Allerdings liefen manche Aktionen aufgrund mangelnder Koordination ins Leere. Um dem Entgegenzuwirken gründete sich auf Anregung des Ulmer Flüchtlingsrates der „Runde Tisch Flüchtlinge“, an dem über Themenfelder diskutiert wurde, die von Kinder und Familie über Ausbildung und Arbeit bis hin zu Sprache und Gesundheit gingen und gehen.

 

Unter dem Motto “Miteinander statt Gegeneinander” demonstrierten Ulmer für Solidarität mit Geflüchteten. (Quelle: StadtAU).