Irfan Mecinovic: Basketball als Katalysator

Irfan Mecinovic

*1984 in Tutin, Serbien
Lehrer für Englisch und Deutsch

 

Andrada: Irfan, woher kommst Du gebürtig?

Irfan: Ich komme aus Serbien, aus einem Ort mitten in den Bergen. Die Region nennt man umgangssprachlich auch oft den „Gazastreifen Europas“, weil dort viele Völker zusammenkommen.

Wann bist Du nach Ulm gekommen? Und was ist die Geschichte dahinter?

Mein Vater war Gastarbeiter in den 70er Jahren. 20 Jahre lang war er am Pendeln. Er hat im Winter in Serbien gearbeitet und ansonsten hatte er in Deutschland ein Standbein. Im April 1992 sind wir dann komplett nach Deutschland gezogen. Mein Vater hat mit seinen Brüder ein Hotel in Serbien eröffnet. In der Zeit ist er weniger gependelt. Als aber die Balkankrise immer größer wurde, hat er beschlossen, mit uns nach Ulm zu ziehen. 1992 ist er mit damals 2.000 D-Mark, fünf Kindern und einer Frau nach Deutschland gezogen, so erzählt er das immer. Wir waren drei Tage lang in einem VW Jetta unterwegs. In Ungarn haben sie uns in der ersten Nacht das Auto aufgeschlagen und das Radio geklaut. Sieben Personen im Auto, mit einer Folie als Fenster und keiner Unterhaltung – das war schon interessant. Damals war ich sieben. Ich erinnere mich noch genau an diese Reise. Ich erinnere mich an ein Hotel in Ungarn. Das ist bis heute mein „Hotel California“. Ich habe die Sprache nicht verstanden, es gab viele Hunde und allgemein war die Stimmung gruselig.
Das erste, was ich dann in Deutschland gesehen habe, war ein Autounfall. Wir lebten damals einen Monat lang im Hotel Adler in Pfuhl. In einem Zimmer. Als ich am ersten Morgen, am 12. April 1992, aus dem Fenster schaute, gab es einen Unfall und ich sah, wie sie einen Mann aus ihrem Auto ausfrästen. Daran erinnere ich mich bis heute. Und ich erinnere mich an die Szene vor unserer ersten Wohnung und an das Gespräch zwischen meinem Vater und dem Vermieter. Das war für mich als Kind alles völlig unverständlich. Man weiß, es passiert gerade etwas, aber man weiß nicht was. Mein Vater hat dann in Elchingen in der Gastronomie angefangen und sich 1996 selbstständig gemacht und ist das bis heute.

Du sagtest, ihr wart fünf Kinder. Erzähl uns etwas zu Deinen Geschwistern.

Genau, ich habe vier Geschwister. Meine große Schwester ist zwischen beiden Welten aufgewachsen, weil sie oft mit meinen Eltern zwischen Serbien und Deutschland gependelt ist. Sie war nie wirklich irgendwo zuhause. Aber sie war so motiviert, dass sie Klassen übersprang und mit 17 anfing an der Uni Ulm zu studieren. Jetzt ist die Dr. der Mathematik und Professorin in Heidenheim. Alle meine Geschwister sind in Ulm geboren, in der Zeit, als meine Eltern gependelt sind. Nur ich bin in Serbien geboren. Meine älteste Schwester wird 44, die zweitälteste ist 40 und die jüngsten Geschwister (eine Schwester und ein Bruder) sind 1982 geboren.


Hast Du noch ein enges Verhältnis zu Deinem Geburtsland?

Fast alle meine Verwandten leben noch dort. Wir sind früher jedes Jahr „runter“ gefahren und haben alle besucht. Eine Verbindung dorthin habe ich heute aber nur noch über die Menschen. Ansonsten nicht mehr. Ulm ist meine Heimat. Mein Geburtsort ist so anders als Ulm und meine Einstellung unterscheidet sich sehr von der dort. Zudem ist man sehr weit weg von allem, wenn man ein, zwei Jahre nicht mehr dort war. Aber mein Bruder lebt wieder in Serbien und arbeitet im Hotel meines Vaters. Meine Eltern sind immer wieder mal dort. Aber ich merke auch, seitdem deren Eltern verstorben sind, ist die Verbindung eine ganz andere. Die beiden sind definitiv Ulmer
geworden. Ich glaube, niemand liebt Ulm so sehr wie meiner Mutter. Meine Eltern wohnen in Ludwigsfeld und meine Mutter läuft hin und wieder nach Ulm, auf dem Wochenmarkt und an der Donau entlang. Früher haben meine Eltern am Marktplatz gewohnt. Meine Mutter erzählt heute noch, dass sie sich damals ganz am Anfang nicht aus dem Haus getraut hat, weil ein „Afrikaner“ im Haus gewohnt hat. Sie hatte vorher noch nie einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe gesehen!

Erinnerst Du dich noch an Deine Kindheit In Serbien und das Ankommen in Ulm?

Wir haben den Krieg nicht direkt mitbekommen. Aber da wir Moslems sind und in Serbien in der Minderheit waren, war das zu der Zeit natürlich etwas gefährlich. Ich erinnere mich noch an eine Situation an der Grenze, an der wir 14 Stunden lang standen. Wir kamen an den Schalter und die Zöllner sehen in unsere Pässe, gehen nach hinten an das Auto und einer sagt zum anderen: „Sollen wir es machen?“. Und der andere antwortet: „Nein, es sind zu viele Leute hier“. Und wir hätten einfach nichts tun können! Dieses Aufwachsen in zwei Ländern und erst mal nicht wissen, ob man irgendwo zuhause ist, das prägt einen schon sehr. Entweder es formt Dich oder es bricht Dich. Ich hatte aber auch Glück, dass ich in der ersten Klasse hergezogen bin. Je jünger Du bist, desto leichter fällt Dir eine neue Sprache. Ich bin dann aufs Gymnasium gekommen und dort war natürlich „heile Welt“, im Vergleich zu anderen Schulen. Da stehen Deine Chancen natürlich besser. Integration ist so extrem viel Zufall!

Als Lehrer und Beamter musst Du die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. War das je ein Thema für Dich?

Wenn Du gefestigt bist und Dir sicher bist über Deinen Charakter und Deine kulturellen Wurzeln und Deiner Idee von Dir als Mensch, dann hast Du überhaupt kein Problem, eine Staatsangehörigkeit abzustreifen. Viele haben Angst davor, etwas aufzugeben und die eigenen kulturellen Wurzeln zu verlieren. Das ist die Angst vor dem Verlust der Identität und zum Beispiel auch ein Grund, wieso ältere Menschen selbst heute noch zu ihren Kindern sagen, sie sollen jemanden aus dem eigenen Kulturkreis heiraten.

Unser Interview findet nicht ohne Grund in einer Sporthalle beim TSG Söflingen statt. Was bedeutet Basketball für Dich?

Basketball war für mich eine große Hilfe. Jeder hat einen Katalysator, wenn er Probleme hat. Unser Leben war nicht immer leicht. Wir mussten oft zum Amt gehen, Aufenthaltsgenehmigungen einholen und waren nie sicher, ob wir bleiben durften. Dann wirst Du angesprochen, ob Du überhaupt Deutsch sprechen kannst, dabei hast Du Abi und bist hier aufgewachsen! Man fühlt sich dadurch oft anders behandelt. Für mich war der Sport immer der Ort, an dem ich wusste, dort ist es egal. Dort musst Du einfach nur gut sein. Und Basketball ist zudem noch ein Team-Sport, wo Du mit anderen musst, auch wenn Du nicht willst. Alle Probleme sind auf dem Spielfeld weg. Ich spiele seit 21 Jahren Basketball. Angefangen hat das mit einer NBA-Übertragung und Michael Jordan. Davor habe ich in einer Mannschaft gespielt, die sich „Balkan Baskets Ulm“ nannte, darin waren nur Menschen vom Balkan. Man hat sich ein wenig abgesondert. Irgendwie bin ich dann zum TSG Söflingen gekommen. Die Gewohnheiten der Sportkultur hier waren mir damals fremd: nach dem Training zusammen ein Bier trinken, zusammen essen, wie in einer Familie. Da wurde ich dann ein Teil von, das hat sich über die Jahre gekräftigt und plötzlich habe ich Dinge getan, die ich vorher nie gedacht hätte! Ehrenamtliche Arbeit zum Beispiel. Deshalb bin ich auch Lehrer geworden. Weil ich durch die „Kids Camps“ gemerkt habe, dass es mir Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten. Der TSG war ausschlaggebend dafür. Als ich eine U18-Mannschaft trainiert habe, hatten wir auch einen syrischen Flüchtling im Team, der kein Deutsch konnte. Es gab Situationen, wo Du ihm die Flucht und seine Situation angemerkt hast. Aber dann ist er richtig aufgeblüht. Mit der Mannschaft zusammen und all das. Da merkt man, wie wichtig Sport sein kann. Denn Sport ist oft ein Ort, an dem Du mit Menschen aneckst und Dich zusammenraufen musst.

Geboren wurde Irfan Mecinovic 1984 in Tutin, Serbien.

Irfan Mecinovic: Basketball als Katalysator
Tutin, Serbien
Geboren wurde Irfan Mecinovic 1984 in Tutin, Sebien